Die sind so gut, die sind so gut, die sind so gut! Von links nach rechts swingend und federnd wiederholt sich im Kopf diese Einsicht, während vorn auf der Festsaalbühne die Nerven-Gitarren auf genau diese Weise ihre kantigen Schraffuren rocken.

Das Trio aus Stuttgart ist seit einiger Zeit die spannendste Band der zweiten Generation nach den Diskurslern aus Hamburg. Aber mit ihrem am Wochenende erschienenen vierten Album „Fake“ haben sie noch eine Schippe draufgelegt – jenseits von Tocotronic gibt es nirgendwo mehr derart aufregenden Gitarrenrock; drum ist das Quasi-Release-Konzert am Sonnabend auch randvoll ausverkauft.

Traditionelles Obertonkreischen

Neulich hat Max Rieger, der streng schlaksige Gitarrist und Sänger, ein Radiostudio verlassen, weil ihn der Interviewer nach den Achtzigern gefragt hat. Einerseits nachvollziehbar − der Mann hat klare, ambitionierte Vorstellungen, wie man auch an seinem Zweitprojekt „All Diese Gewalt“ hören kann oder an den Produzentenarbeiten für zum Beispiel für die tollen „Friends of Gas“ aus München oder für das neue Album von Drangsal.

Aber das ändert natürlich nichts daran, dass ihr Sound ein paar wirksame Ideen des Achtziger-Post-Hardcore von Bands wie Sonic Youth, Wipers oder Hüsker Dü aufgreift: Letztere zum Beispiel für ihre jüngste Single „Niemals“, die im Konzert gleich an zweiter Stelle in die Diskussion geworfen und vom Bassisten Julian Knoth gesungen wurde, der auch die Hälfte der Songs komponierte. Das Stück zeigt  genau die Mischung aus poppiger Hymnik und hysterischem Obertonkreischen, die sich das legendäre Trio aus Minneapolis aus ihrem frühen Speedcore erarbeitet hatte. Und wie diese treibt auch die Nerven mit Kevin Kühn ein raumgreifender Drummer voran, der, zierlich und in gepunkteten, knappen Badehosen-Briefs, auf graue Post-Punk-Klischees keine Lust hat.

Herzlich willkommen in Berlin

Verwunderlich berechenbar nur, dass derzeit nur Knoth noch in Stuttgart und dessen offenbar lebendiger Szene lebt, während Rieger dem Drummer angeblich gerade von Leipzig nach Berlin nachzieht. „Finde niemals zu dir selbst“ slogant markig der Refrain des power-punkigen Stückes, das insofern das Album repräsentiert, als es eine Facette der Stimmungen und Intensitäten zeigt, die „Fake“ auf virtuose Weise durchspielen kann.

Wie auf dem Album wechseln auch live die Songs in eleganten Übergängen die Gestalten und Zustände zwischen fiebrigem Brüten und bösem Noise. Zwischendurch spielen sie kurz grinsend Pink Floyd an und bringen das großartige „Sommerzeit, Traurigkeit“, 2012 eine frühe Single und schöne Hommage an Lana Del Rey. Tatsächlich besteht ihr wichtigster Trick genau darin, Aggressivität und Spannung nicht zur schlechten Laune zu verkürzen. Sondern zu einer Art bebendem, sehnendem Gesamtzweifel auszubauen. Sie sind so super gut!