Berlin - Von nun an reden die Chefredakteure Jochen Arntz und Elmar Jehn jede Woche mit Gregor Gysi – über das, was die Stadt, das Land und die Welt bewegt. Kurz und klar, ein paar Minuten nur, solange man eben zusammensteht für eine Curry am Mittag in Berlin. Unser erstes Thema, wie könnte es anders sein in diesen Tagen: das Auto

Kann man links sein und SUV fahren?

Das eine schließt das andere nicht zwingend aus, auch wenn mir gerade kein Linker einfällt, der SUV fährt. Ich selbst käme mir in einem solchen Gefährt ziemlich verloren vor und frage mich, welchen Nutzwert ein so großes Auto mit einem eher höheren Spritverbrauch gerade auf kurzen Strecken haben soll. Das Gefährdungspotential für andere Verkehrsteilnehmer, wie es sich gerade erst auf so schreckliche Weise bestätigt hat, muss bedacht werden.

Braucht man in Berlin ein Auto?

Auch für mich überraschend hat eine Studie unlängst ergeben, dass man mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in Berlin im Vergleich zu anderen Metropolen am schnellsten ans Ziel kommt. Insofern ginge es auch ohne. Allerdings kommt man selbst in Berlin öffentlich auch nicht überall hin, zum Beispiel nicht zum Ausflugsziel Moorlake.

Die Menschen müssen dafür durch ein noch besseres und zuverlässigeres öffentliches Verkehrssystem überzeugt werden. Das kostenfreie Ticket in Berlin, das der Senat für Schülerinnen und Schüler, Azubis und Studierende eingeführt hat, ist ein guter Anfang. Diese Verkehrsmittel brauchen aus Sicherheitsgründen mehr Personal und müssen auch dann fahren, wenn sie sich nicht rechnen. Dafür bezahlen wir schließlich Steuern. Verbote bringen nichts und Verteuerungen führen letztlich nur zu Privilegierten, die sich das Auto dann noch leisten können.

Ist die Diskussion ums Auto die neue soziale Frage?

Die Wohnungsfrage ist noch existentieller für die Menschen. Allerdings hat das Auto in Deutschland gesellschaftlich einen Stellenwert wie kaum in einem anderen Land. Hier wünschte ich mir etwas mehr französische Gelassenheit, wo das Auto eher als Nutzgegenstand betrachtet und entsprechend gefahren wird.

Vielleicht würde sich dann das Thema SUV von selbst erledigen, weil niemand solche Statussymbole brauchte. Ökologische Nachhaltigkeit wird sich allerdings nur dann gesamtgesellschaftlich durchsetzen lassen, wenn dies in sozialer Verantwortung geschieht.

Was sagt uns die Krise der Autoindustrie über den Zustand des Kapitalismus?

Es ist ein Trauerspiel, dass die Autokonzerne lieber Betrugssoftware entwickelt haben als Motoren, die die Grenzwerte in der Realität einhalten. Der Kapitalismus, der Markt an sich ist nicht in der Lage, ein umweltgerechtes, ressourcenschonendes Wirtschaften zu entwickeln. Die Politik muss einen Rahmen setzen, was die Bundesregierung gerade gegenüber der Autoindustrie deutlich vermissen lässt.

Da sind offenbar die Fotos vor blitzenden Karossen auf den Automessen wichtiger. Übrigens in den USA, in Australien, fast überall macht VW Vergleiche mit den Betrogenen, nur in Deutschland nicht, weil wir diese Art von Sammelklagen nicht eingeführt haben.

Warum hört man in der Klima-Debatte so wenig von den Linken - oder überlässt man das lieber Markus Söder?

Ministerpräsident Bodo Ramelow von den Linken muss sich in der Klima-Frage wirklich nicht verstecken. Er hat gerade mit seiner Koalition ein Programm beschlossen, um dem Wald zu helfen. Mir ist konkrete Politik allemal lieber als die eine oder andere Lautsprecherei. Aber grundsätzlich stellt sich die Frage, ob ein grüner Kapitalismus möglich ist. Die jungen Leute von Fridays for Future sind da, glaube ich, schon weiter.

Diese Debatte ist eine Chance für die Linke, weil damit die Überwindung von bestimmten Merkmalen des Kapitalismus nicht nur als soziale, sondern auch als klimapolitische Notwendigkeit auf die Tagesordnung kommt. Die Aufgabe der Linken ist es, beides zu verbinden.