Zwang kann unterschiedlich ausfallen – Zwang bleibt es dennoch. Auch ein hübsches Kloster ist ein Kloster, und wer nun partout nicht ins Kloster will, wird hier wie dort nicht froh. Wie Suzanne. Weil ihre beiden Schwestern den größten Teil des elterlichen Vermögens als Mitgift in ihre Ehen mitnahmen, und weil Suzanne das Ergebnis eines mütterlichen Ehebruchs ist, soll sie abgeschoben werden. Denis Diderot brachte in seinem postum erschienenen Roman „La religieuse“ von 1764 eine weithin geübte Praxis ans Licht: das Kloster als Entsorgungseinrichtung für unerwünschten Nachwuchs.

Zweimal ist „Die Nonne“ verfilmt worden, 1966 von Jacques Rivette und nun von Guillaume Nicloux. Wo Rivette ein strenges Stil-Exerzitium schuf mit Anna Karina als einzig lebendigem Wesen, drehte Nicloux einen veritablen Kostümfilm samt Kerzenflackern und einer Rahmenhandlung, in der die Perspektive des Romans, der als Lebensbericht von Suzanne verfasst ist, aufgegriffen wird.

War Anna Karinas Gefangenschaft in Klostermauern von vornherein ein Skandal, weil sie als königliche Muse der Regielegende Jean-Luc Godard eigentlich unantastbar war, so liegt der Fall bei Pauline Etiennes Suzanne anders. Sie ist noch ein halbes Kind und Spielball von Erziehungsberechtigten und anderen Autoritäten. Ihre Reaktion auf die Gefangenschaft folgt nicht einem emanzipatorischen Ideal, sondern wirkt körperlicher, zugleich inniger wie ausdrucksvoller – es ist keine Rebellion gegen eine Idee im Namen der Menschheit, sondern gegen Mauern, Gewänder, Haltungen und Handlungen im Namen ihrer eigenen Person.

Suzanne glaubt, aber sie will kein Gelübde ablegen: Das führt mitten in der Liturgie zum Skandal. Während sie versucht, mit Hilfe von Anwälten und Vorsprache bei höheren Geistlichen, aus dem Kloster zu entkommen, wird dort an der Disziplinschraube gedreht. Mit der älteren Oberin (Francoise Lebrun) stirbt auch das letzte Mitgefühl; ihre Nachfolgerin (Louise Bourgoin) demütigt Suzanne mit System, und die anderen Nonnen machen heiter mit. Suzanne erreicht lediglich, dass sie in ein anderes Kloster aufgenommen wird. Dort wird sie allerdings von der Oberin (Isabelle Huppert) in grotesker Weise sexuell bedrängt, beraubt damit eine andere Schwester unfreiwillig der Gunst, und ist somit schnell wieder genauso unglücklich und einsam wie zuvor.

Der Film von Guillaume Nicloux entwirft eine bleierne, wintergraue Welt, die über das Unglück des Individuums gleichgültig hinweggeht. Die von Pauline Etienne so feinfühlig und empathisch gespielte Kreatürlichkeit ist Suzannes einziger Einwand gegen die Systeme, die sie gefangen halten. Und darin wirkt der Film dann auch eigenartig aktuell – an sich ist Diderots Roman ein historisches Dokument aus der Frühzeit der bürgerlichen Emanzipation, das kaum noch zeitgemäße Erregung provoziert.

Bei Nicloux wird daraus ein kluger Film über Zwangssysteme. Rivettes Generalkritik an jeder Art von Institution setzt er eine genaue Beobachtung der Funktionsweisen entgegen. Im ersten Kloster wird ideologisch, diktatorisch und disziplinierend verfahren, das andere dagegen maskiert sich als frei und der persönlichen Entfaltung aufgeschlossen, fordert dafür jedoch persönliche Zuwendung. Suzanne wird von der Oberin des zweiten Klosters aufgefordert, ihr musikalisches Talent zu entfalten, empfängt Gunstbezeugungen – soll aber dafür auch körperlich zu Willen sein.

Man erkennt darin Züge jenes Systems, in dem wir als Konsumenten heute leben und in dem wir Bequemlichkeit und gesellschaftliche Teilhabe gegen Auslieferung unserer persönlichen Daten und unserer in Geld konvertierten Lebenszeit tauschen. Gegen derartige Einrichtungen kann Suzanne nur die Unmittelbarkeit und Wahrheit ihres gequälten Körpers ins Feld führen.

Verglichen mit den gesellschaftlichen Mechanismen dieser Klöster und Suzannes Leiden bleibt alles andere in diesem Film blass. Die Rahmenhandlung wirkt angestückt und trägt nichts zur Spannung oder Vertiefung bei. Suzannes Verhandlungen um ein freies Leben sind absehbar erfolglos, weil die Geschlossenheit des Systems so eindrucksvoll dargestellt ist.

Damit ist schon angedeutet, dass „Die Nonne“ auch eine Geduldsprobe ohne Zuspitzungen ist. Der strengen Optik entspricht eine strenge Monotonie des filmischen Rhythmus. Die Aussichten bleiben vage, der Hoffnungsschimmer am Ende bleibt dramaturgische Konvention, die den bedrückenden Gesamteindruck nicht aufhebt. Im Prinzip kennt der Film nur eine Richtung: Immer tiefer ins Unglück hinein.

Die Nonne (La religieuse) Frankr./ Dtl./ Belgien 2013. Buch und Regie: Guillaume Nicloux, Kamera: Yves Cape, Darsteller: Pauline Etienne, Isabelle Huppert, Martina Gedeck, Francoise Lebrun u. a.; 107 Minuten, Farbe. FSK ab 12.