Maryam (Mila Al Zahrani, l.) und ihre Schwester Selma (Dae Al Hilali)
Neue Visionen Filmverleih

BerlinDie Zufahrt zum Krankenhaus ist eine unbefestigte Piste und das Fortkommen auf ihr recht mühsam, nicht selten bleiben Notarztwagen, Rollstuhlfahrer, Sanitäter mit Tragen, kurz: Hilfesuchende aller Couleur, dort liegen beziehungsweise stecken. 

Am desolaten Zustand etwas zu ändern, sollte ein Leichtes sein, denkt die Ärztin Maryam (Mila Al Zahrani). Ein Anruf bei der Stadtverwaltung, Problem gelöst. Nicht so im vorliegenden Fall, wird doch im fraglichen Krankenhaus die Heilkunst von Menschen weiblichen Geschlechts praktiziert, weswegen dieser Ort nicht ganz oben auf der Prioritäten-Liste steht, er steht eher sehr tief unten. Um das Übel an der Wurzel zu packen, sieht Maryam sich dazu gezwungen, für den Posten einer Stadträtin zu kandidieren.

Es ist eine seltsame Welt

Was für nicht wenig Wirbel sorgt, ist die Geschichte, die Haifaa Al Mansour in „Die perfekte Kandidatin“ erzählt, doch angesiedelt in Saudi-Arabien. Und Saudi-Arabien ist zwar ein außergewöhnlich reiches, in Sachen Gleichberechtigung von Frau und Mann aber auch ein reichlich rückständiges Land. Frauen durften dort bis vor zwei Jahren nicht einmal selbst ein Auto lenken. Wenn sie verreisen wollen, brauchen sie dazu die Erlaubnis ihres Vaters, Gatten oder Bruders, jedenfalls eines für sie zuständigen Mannes. Der gemeinsame Aufenthalt der unterschiedlichen Geschlechter im öffentlichen Raum unterliegt mannigfaltigen Reglementierungen; und Berührungen oder gar der Gesang einer Frau – um Himmels Willen!

Trailer zu „Die perfekte Kandidatin“

Quelle: Youtube

Es ist eine  seltsame Welt. Haifaa Al Mansour – 1974 in Saudi-Arabien geboren und in Kairo und Sydney ausgebildet – schließt sie dem westlichen Publikum mit „Die perfekte Kandidatin“ nun bereits zum zweiten Mal auf. 2012 feierte die Regie-Pionierin des saudischen Königreichs mit ihrem Langfilmdebüt „Das Mädchen Wadjda“ einen internationalen Erfolg. Die Titelheldin träumt darin von einem eigenen Fahrrad, während ihre Mutter damit hadert, dass ihr Mann sich eine weitere Frau nehmen will. Auch diesmal dient die Unternehmungslust einer weiblichen Hauptfigur als Auslöser einer Entwicklung, die zwar auf vielerlei kleinere und größere Hindernisse stößt, sich aber zu keinem Zeitpunkt von ihrem Fortschrittsoptimismus abbringen lässt.

Schwesterliche Wahlkampagne 

Wobei sich Al Mansour einmal mehr als gerechte Filmemacherin erweist, macht sie doch hinreichend deutlich, dass die Einschränkung der Freiheit der Frauen auch die der Freiheit der Männer bedeutet. Denn eine Welt, in der beispielsweise die weibliche Gesangsstimme lediglich im Rahmen von Hochzeitsfeierlichkeiten erklingen darf, ist  eine kulturell arme Welt – und davon wiederum kann Maryams Vater ein, pardon, Lied singen. Denn während die Tochter mit ihren Schwestern gemeinsam eine Wahlkampagne aus dem Boden stampft, zieht der Vater auf Tournee durchs Land, in der Hoffnung, mit seiner traditionellen Musik-Kombo ins Kulturprogramm der Saudis aufgenommen zu werden.

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Die perfekte Kandidatin

Saudi-Arabien, Deutschland 2019. Regie: Haifaa Al Mansour, Darsteller: Mila Al Zahrani, Dae Al Hilali, Nora Al Awadh u.a., 101 Minuten, Farbe

Aufbruchsstimmung allerorten wird sicht- und spürbar, wenn die ProtagonistInnen sich wiederholt mit Traditionen und Konventionen konfrontiert sehen und diese, anstatt sich in die Schranken weisen zu lassen, kurzerhand herausfordern. In diesem Kontext ist „Die perfekte Kandidatin“ ein so mutiger wie ermutigender Film, er braucht dazu auch gar nicht perfekt zu sein.