„Hausfrau sein“, Ensemble von 1968/1973   
Gal. Thumm/Estate Oppermann/Foto: Julia Featheringill/ Stewart Clements

Berlin-Auf dem Video am Galerieeingang sitzt die schönherbe Anna Oppermann im schwarzen Hosenkleid und   mit langen roten Haaren vor ihrem Bildreservoire der modernen Zivilisation, einem altarartigen Raumgebilde aus verzettelten Systemen. Und sie spricht über ihr Welt- und Kunstbild, redet langsam und überlegt, sagt, dass es in ihrer Kunst keine Logik, nichts Lineares gibt. Weil sie so nicht arbeiten könne. Obwohl sie wisse, dass Logik und Linearität nötig seien für ein strukturiertes Leben.

„Surrogat“, 1969, aus „Antidesign Nr. 174“, Bunststift 
Gal. Thumm/Estate Oppermann

Weltbild auf der Küchenfensterbank

Ungehemmt wachsen an den Galeriewänden und in den Ecken kaleidoskopische Ensemble aus Zetteln, Zeichnungen, Fotos und seltsamen Fundstücken, Deckchen, Nippes, Murmeln, Topfpflanzen in den Raum. Oppermanns Nachlass in einer schier undurchschaubaren Methodik der Wieder- und Wieder-Reflexion des Gefundenen, Geschauten, Gefühlten und Gedachten. Simpel und hochkomplex. Mehrfach ist auf Zetteln zu lesen „Frau Sein“, dann „Sexy Sein“, „Ganz Sein“. Irgendwo in der Ecke hängt ein Zettel, darauf ist mit Tinte geschrieben „Hausfrau Sein?“. Bei Oppermann herrschte anarchischer Wille, den Raum zu erobern mit Zeichnungen, mit Schrift und Dingen, die irgendwie daran hängen, auch wenn sei auf den ersten Blick keinen Sinn haben, weil sich damit das Chaos nicht beherrschen lässt. Und das Bild steht auf der Fensterbank.

Wohin bloß wollen die Altäre dieser manischen Künstlerin des späten 20. Jahrhunderts noch vordringen? Was sie auf der Documenta 6 und 8 zeigte, zählte zur Concept Art genauso wie zur Arte Povera (Arme Kunst). Ihre brachial sinnlich wirkenden Tableaus, diese metastasenhaften Ansiedlungen von Stillleben und palimpsestartigen Verweisen auf Leben und Kunst, diese halb religiöse, halb ketzerische Gemengelage verlangte Zuwendung.

Sie war manisch, aber nicht verrückt

Damals hielt man diese eigentümliche Künstlerin, die alles Bildhafte „synthetisierte“, für manisch, für verrückt. Heute, in einer Kunstszene der Beliebigkeiten, Zitate, Epigonen und Plagiate verdient das seltsame Werk, das einer Navigation durch ein verlinktes Archiv gleichkommt, das Prädikat „rar und „anders“. Außenseiterhaft freilich noch immer.

Zeichnen nach der Natur, das war für Anna Oppermann ein ganz unmittelbares, elementares Tun. So „studierte“ und erklärte sie sich die Welt,   interpretiert der Berliner Kunsthistoriker und Oppermann-Kenner Friedrich Meschede dieses unfassbare raumgreifende Werk aus diversesten Einzelteilen. Das Zeichnen wurde bei ihr zum vollendeten Bild. Und Medium, die häusliche Welt in einem übergeordneten Kosmos zu sehen, sie sich anzueignen, zu entdecken.

Die Kippen im Aschenbecher

Sie soll stark geraucht haben, sagen ihre Biografen. Jetzt erschließt sich das Bild „Surrogat“ von 1969, wo sie mit Buntstiften in einem obszön geformten Aschenbecher   lustvoll-brutal vier Kippen „ausdrückt“. Ersatzhandlung für etwas Unausgesprochenes. Alles bei Oppermann ist Ambivalenz: Bild, Zettel, Raum, Titel, Fundstück. Und immer dreht es sich ums Künstlerin-Sein, Frau-Sein, Kind-Sein. Es ist eine enigmatische, avantgardistische Bildsprache, die sich aus scharfsinniger Spurensicherung, ironischer individueller Mythologie und offensichtlich manischer poetischer Erzähllust zusammensetzt, wobei gleichsam Raum-Romane entstehen. Paradoxe Intentionen freilich. Denn im Grunde sind all die Collagen und Ensembles ja längst Kunstgeschichte, prozesshafte Gebilde, die nun postum einer ständigen Veränderung unterliegen, aufs Neue Interpretation, Erklärung verlangen – und gewaltigen konservatorischen Aufwand überdies.

Hoffnung statt Angst

Siebzig „Ensembles“ hat Oppermann hinterlassen. Barbara Thumm betreut diesen Nachlass, der zumeist aus einer insolventen Hamburger Galerie stammt oder aus der Familie, die das Atelier auflösen musste. Das wächst sich für die Galeristin mittlerweile zur Lebensaufgabe aus. Aber sie liebt es, wie Oppermanns Vermächtnis sich so assoziationsmächtig zu dreidimensionalen, verschachtelten Altären einer Ära der Moderne, des Zukunftsglaubens und der sich ankündigenden Depression durch verfallende Werte fügt. Die Kunst einer das Leben liebenden Seherin spricht zu uns. Sagt uns, dass die kleine Schwester der Angst den Namen Hoffnung trägt.

Mein Bild der Woche:Die Künstlerin Anna Oppermann, geboren 1940 in Eutin als Regina Heine, lebte und arbeitete in Hamburg. 1993 starb sie an einer unheilbaren Krankheit in Celle. Sie hinterließ ein schier unüberschaubares, museumsreifes Konzeptkunstwerk, das die Berliner Galeristin Barbara Thumm seit Jahren engagiert betreut und in Teilen erwarb.

Die Ausstellung: Galerie Barbara Thumm, Markgrafenstr. 68. Bis 18. April, Di–Sa 11–18 Uhr, Tel. 28 39 03 47, www.bthumm.de