Vieles war einfach Künstlerpech. Aber eben nicht alles, was in der Premiere der „Pyramide“ schief ging, war dem Zufall geschuldet. Dass überhaupt ein Wagnis darin liegen könnte, eine Spielshow zu reanimieren, die beim eigenen Sender bereits mehr als 150 Sendungen auf dem Buckel hat und zudem als „$100.000 Show“ in Amerika gelaufen war, hat beim ZDF vielleicht niemand überhaupt in Erwägung gezogen. „Formate wie dieses funktionieren immer – überall auf der Welt und vor 30 Jahren genauso wie heute“, sagte Andreas Gerling, ZDF-Leiter des Programmbereichs Quiz und Formatentwicklung. Das mag stimmen. Aber es gibt auch ein paar (Spiel)-Regeln, die eingehalten werden müssen, damit die Show mit einem Spiel auch beim Zuschauer verfangen kann: Es braucht Gerechtigkeit und sympathische Kandidaten.

Mit Oliver Pocher und Christiane Neubauer hatte das ZDF auf den ersten Blick alles richtig gemacht: Der dauerplaudernde Comedian und die immerschöne Schauspielerin bilden ja lehrbuchhaft die Quotenerwartung für die Programminnovation ab: Pocher ist das bekannte Gesicht für den Vorabstart auf dem „jungen“ Programm von ZDFneo, Christine Neubauer soll jene beim Nachmittagsprogramm des Hauptsenders halten, die dort bisher ihre verrentete Freizeit mit Telenovelas vertrödelten. Von Moderator Micky Beisenherz gefragt, was er sich von den beiden Prominenten erwartete, sprach Schiedsrichter Jochen Llambi sogleich von einer „großartigen Paarung“ und dass er sich auf den kommenden „Schlagabtausch“ bereits freue.

Losglück bei Neubauer

Nach dem üblichen Geplänkel ging das Ratespiel dann auch los: Christine Neubauer wählte als Oberbegriff „Manche mögen’s heiß“, landete bei dem Suchfeld „Alles, was aphrodisierend sein kann“ und musste ihrem Spielpartner Sascha Adamski nun Begriffe wie Schokolade, Chilli oder Spargel umschreiben. Oliver Pocher ließ sich im Sinne der Show daraufhin nicht lumpen und wählte die Kategorie „Klein, aber oho“. Dahinter, zu dumm nur, verbargen sich aber sieben Worte zum Thema „Espresso“, darunter auch der Fachbegriff „Barista“, den Pocher seiner Kandidatin, der Reisekauffrau Nicole Wildeboer, gar nicht erst zu erklären versuchte. Als der Schlussgong dieser Runde nach den üblichen dreißig Sekunden ertönte, ätzte Pocher ein erstes Mal: „Ich kann Italien nicht als Geste“. Womit gemeint war: Meine Begriffe waren deutlich schwerer zu beschreiben als die der Konkurrenz.

Zunächst schien da eher einer zu sprechen, der nicht verlieren kann. Aber Runde um Runde blieb das Losglück bei Christine Neubauer: Bei der Runde „Alles, was man massieren kann“, zeigte der pfiffige Kandidat Sascha einfach auf die gesuchten Körperteile. Noch vor der Zeit hatte Christine Neubauer alle Worte gefunden. Ähnlich leicht wurde es dem Team auch bei der Kategorie „Schwein gehabt“ gemacht: Alle zusammengesetzten Begriffe endeten oder begannen mit Schwein: Sparschwein ... Schweinehund ... Glücksschwein ... Schweinsgalopp ... Schweinebacke ...

Mosernder Pocher

„Man muss einen Begriff aus zwei Worten erklären und eins davon ist immer Schwein. Was ist denn das für ein Spiel?“ moserte Pocher nun wirklich verärgert. Er hatte zuvor seiner Kandidatin Worte wie Schnattermaul, Phrasendrescher oder Quasselstrippe verdeutlichen müssen und mehrfach den gesuchten Begriff verzweifelt durchgewunken. Dabei stellte sich heraus, dass die Autoren pro Raterunde überhaupt nur fünf Worte eingestellt hatten. Binnen kurzem landete Pocher so wieder bei der „Plaudertasche“, an der seine Partnerin Nicole schon eingangs gescheitert war.

Es war unfair, dass Neubauer dem mosernden Pocher entgegen hielt, er solle doch „erst mal mit Leistung überzeugen“. Diese Vorhaltung geht zu hundert Prozent an die Autoren der „Pyramide“: Sie müssen für sorgen, dass die Kandidaten in der Show gleichwertige Herausforderungen vorfinden: Wo Pocher spielbare Begriffe vorfand, hatten er und seine Partnerin durchaus Bella Figura gemacht.

Auch dürfen Publikumskandidaten einer Familienshow nicht dadurch vorgeführt werden, dass sie in der Aufgeregtheit der Bühnensituation immer wieder an dem gleichen Brett vorm Kopf zerschellen. Eine gute Show abzuliefern, ist eben für die Macher doch kein Spaziergang, sondern eine Frage des Handwerks.