Majestät auf dem Laufsteg: Helen Mirren während der Pariser Fashion Week im vergangenen September.
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BerlinSeit gut einem halben Jahrhundert ist Helen Mirren nun schon im Geschäft, sie ist auf Theaterbühnen wie in Filmstudios gleichermaßen zu Hause. Bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin wird sie nun mit einem Goldenen Bären für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Und welcher Film könnte für die Gala am 27. Februar besser passen als „The Queen“? Dame Helen Mirren, die im Sommer 75 Jahre alt wird, ist schließlich eine der ganz großen Schauspielerinnen der Gegenwart. In einem notorisch patriarchalen Business wehrt sie sich unermüdlich gegen Stereotypen. Dabei verbindet sie auf glückhafte Weise ihre so beträchtliche wie zeitlose sinnliche Aura mit einem scharfen Verstand und ruhiger Selbstsicherheit.

Als ihr die Rolle der Gangsterbraut Victoria in John Mackenzies „Rififi am Karfreitag“ angeboten wird, ist diese im Drehbuch recht eindimensional angelegt: sexy, aber doof. Niemand widerspricht ihr, als sie die Figur für unter ihrer Würde befindet – „shit“ sei diese Rolle zunächst gewesen, erinnert sie sich. Regisseur und Autor pflichten ihr bei, dass an Victoria noch gearbeitet werden müsse, und sichern Änderungen zu.

Helen Mirren: Die Rolle der Gangsterbraut

Als dann aber die Dreharbeiten beginnen, hat sich nichts getan – Victoria ist immer noch ein blondes Dummchen. Und Helen Mirren, die sie spielen soll, muss im Alleingang dafür sorgen, dass mehr aus ihr wird, als auf dem Papier steht. Ihr Kollege Bob Hoskins steht ihr dabei zur Seite. Gemeinsam und ad hoc entwickeln die beiden nun das Verhältnis ihrer Figuren zueinander und improvisieren sich durch so manche Szene – so dass schließlich statt des Klischee-Blondchens unter der Fuchtel des Gangsters eine selbstbewusste Frau agiert, die ihrer Schönheit zum Trotz ernst genommen wird.

„The Long Good Friday“, der 1980 die Initialzündung für den neuen britischen Gangsterfilms war und sich zu einem Klassiker entwickelt hat, ist in vielerlei Hinsicht ein bemerkenswertes Genrewerk. Nicht zuletzt eben auch, weil in seinem Zentrum ein Paar steht, das einander wertschätzt und dessen emotionale Bindung glaubwürdig wirkt.

Neun Jahre später wird Helen Mirren erneut die Rolle einer Gangsterbraut übernehmen, die der Georgina in Peter Greenaways „Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber“, der fast komplett in der Küche und im Speiseraum eines großen Restaurants spielt. Zwar hat sie hier nicht das Sagen, dafür aber das letzte Wort.

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Helen Mirren trägt einen britischen Ehrentitel

Mirren macht in diesem nervenaufreibenden Werk nicht nur in den Kostümen von Jean-Paul Gaultier eine gute Figur, sie ist auch das erotisch-lebendige Gegengewicht zur Zerstörungswut, die um sie herum lautstark herrscht. Der Trost, den Georgina spendet, liegt auch darin, dass sie sich ihre Sinnlichkeit nicht nehmen lässt.

Helen Mirren wurde am 26. Juli 1945 in Hammersmith, London, als mittleres von drei Kindern in eine ungewöhnlich wilde familiäre Situation hineingeboren. Ihre Mutter entstammte – als zwölftes von dreizehn Kindern im Haushalt eines Fleischermeisters – der englischen Arbeiterklasse, ihr Vater hingegen dem russischen Adel: Mirrens Urgroßmutter war Gräfin in Kuryanovo, der Großvater ein hochrangiger Militär und späterer Diplomat, der in eben dieser Eigenschaft in England einen Waffenhandel abzuschließen versuchte, als die Russische Revolution ausbrach und ihn samt seiner Familie im Londoner Exil festsetzte.

„Ich muss sagen: Ich selbst zu sein, fühlt sich ziemlich  grandios an.

Helen Mirren, Schauspielerin

Erst nach dem Tod des Großvaters, als Helen etwa sechs Jahre alt war, anglisierte der Vater die Namen der Familie und aus Jelena Lidija Wassiljewna Mironowa, so ihr Geburtsname, wurde Helen Mirren. Seit sie 2003 von der britischen Königin in den Order of the British Empire berufen wurde, trägt sie den Ehrentitel Dame.  

Helen Mirren: Natürliche Autorität

Helen Mirren lebt seit fast vierzig Jahren mit dem Regisseur Taylor Hackford zusammen, mit dem sie seit 1997 auch verheiratet ist. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass Mutterschaft für sie nie ein Thema war: „I’ve no maternal instinct whatsoever“ (Ich habe absolut keinen Mutterinstinkt), lautete ihre Antwort auf die übergriffige Frage, die jede Frau im gebärfähigen Alter früher oder später ereilt.

Eigener Aussage zufolge wusste Helen Mirren bereits als kleines Mädchen, dass sie eine wahrhaft große Mimin alten Stils werden würde und begann folgerichtig schon während der Schulzeit mit der Schauspielerei. Sie war mit 19 eine der Jüngsten, die je von der Royal Shakespeare Company aufgenommen wurde. Auf den Bühnen des Londoner West End war sie bald schon heimisch, am Broadway debütierte sie 1995, und von Beginn an reüssierte sie auch vor der Kamera. Mit ihrer natürlichen Autorität vermag Helen Mirren ohne viel Aufhebens Zentrum der Aufmerksamkeit zu werden.

Sie ist im klassischen Repertoire ebenso zu Hause wie im modernen, man sieht sie in Actionkrachern, Arthouse-Filmen und Komödien, auch in Horrorfilmen wurde sie bereits erwischt. Extravagante Geschöpfe der Halb- und Unterwelt verkörpert sie ebenso überzeugend wie bodenständige Hausfrauen, gediegene Gattinnen und elegante Ladys. Gestrenge Inspektorinnen, Lehrerinnen, Detektivinnen und Direktorinnen spielt sie nicht minder mühelos wie verführerische Nymphen und rätselhafte Vamps.

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Helen Mirren: Lebensbejahend, lustvoll, sexy

Mittlerweile haben sich kauzige Alte und gesetzte Matronen zu ihrem Figurenarsenal gesellt, in dem sich auch knallharte Spioninnen, Agentinnen und Killerinnen finden, die Männern heimleuchten, die sie unterschätzen. Selten jedoch gibt Helen Mirren das unberechenbare Biest, nie das naive Blondchen, und schon gar nicht sieht man sie als schmückendes Beiwerk patriarchaler Selbstdarstellung.

Sie begegnet ihren Partnern auf Augenhöhe, und wenn zum Beispiel zuletzt in „The Good Liar – Das alte Böse“ mit Helen Mirren und Ian McKellen sozusagen zwei britische Schauspiel-Urgesteine zum ersten Mal auf der Leinwand aufeinandertreffen, dann beschreibt das der Kritiker David Hughes im Fachblatt Empire so: Mirren und McKellen in dieser locker-unterhaltsamen Mär zu beobachten, das sei, als sähe man zwei exquisiten alten Autos in einem Oldtimer-Rennen zu, ohne groß Gedanken darauf zu verschwenden, wer es am Ende wohl gewinnt.

Die Frauen, die Helen Mirren spielt, sind lebensbejahend, energiegeladen, lustvoll, sexy. Gleich, ob sie nun als kultivierte Frau an der Seite eines Kriminellen die Contenance wahrt oder ob sie – wie in dem Historiendrama „The Last Station – Ein russischer Sommer“ in der Rolle der alten Gräfin Tolstaja den noch älteren Lew ins Bett lockt, obwohl der eigentlich enthaltsam leben will.

Gekrönte Häupter sind Helen Mirrens Spezialgebiet

Helen Mirren holt aus der erbittert ums Erbe streitenden Tolstaja die enttäuschte Gefährtin hervor, die sich um den Lohn auch ihrer Arbeit geprellt sieht – schließlich hat sie „Krieg und Frieden“ nicht weniger als sechs Mal mit der Hand abgeschrieben! Die Rolle der Gräfin Tostaja führt Mirren im Zuge der Dreharbeiten nicht nur erstmals in die Heimat ihrer väterlichen Vorfahren, sondern gibt die Gelegenheit zu zahlreichen dramatischen Auftritten.

Und sie ist das glatte Gegenteil zu jener Rolle, die Helen Mirren in aller Welt berühmt gemacht hat: 2006 schafft sie, furchtlos wie immer, aus einer Ikone einen Menschen und aus der unnahbaren Monarchin jene Königin Elizabeth II., die der Tod ihrer Ex-Schwiegertochter Diana übel in die Bredouille bringt. Für ihre ebenso nuancierte wie mitfühlende Darstellung der „one and only“ Queen in Stephen Frears’ gleichnamigem Film wurde Mirren mit Preisen überschüttet und erhielt unter anderem den Oscar als Beste Hauptdarstellerin.

Man könnte die Darstellung gekrönter Häupter für Mirrens Spezialgebiet halten, und vielleicht wurde ihr eine gewisse Affinität zum aristokratischen Gebaren ja tatsächlich in die Wiege gelegt. Sie hat nicht nur Elizabeth II. Gestalt verliehen, sondern in einer Miniserie auch Elizabeth I. sowie Charlotte von England. Sie war Katharina die Große, sie spielte in einem skandalumwitterten Frühwerk Caesonia, die Gefährtin Caligulas. Und sie lieh der Schneekönigin ihre Stimme.

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Helen Mirren bedient keine Männerfantasien

Aber für jede Dame von hoher Geburt findet sich in ihrem Werk auch mindestens eine einfache Frau, und die eine ist nicht weniger komplex angelegt als die andere. Mirrens Figuren sind keine anschmiegsamen Sympathieträgerinnen. Sie sind oft eigensinnig und schwer zu durchschauen. Die Schauspielerin bedient mit ihren Darstellungen keine Männerfantasien und widerspricht mit ihrer Arbeit kontinuierlich den Erwartungen, die sich an die Repräsentationen des Weiblichen heften.

Dabei sind sich ihre Figuren der hierarchischen Struktur der Geschlechterverhältnisse wohl bewusst. Aber sie halten nichts von Unterordnung und nehmen es übel, wenn man auf sie herabsieht. Dann wird Helen Mirrens schöner, breiter Mund mit den vollen Lippen zu einer geraden Linie, die Härte signalisiert und Unnachgiebigkeit. Doch wie leuchtet die Leinwand auf, wenn sie uns ihr strahlendes Lächeln schenkt.

Nichts ist zufällig

Sie entscheide sich für oder gegen eine Rolle anhand des Drehbuchs, sagt die Schauspielerin. Wenn die Figur nicht auf dem Papier bereits lebendig sei, werde sie es auch auf der Leinwand nicht werden. Kollegen bescheinigen ihr einen analytischen Verstand – instinktiv aus dem Bauch heraus zu spielen, sei Mirrens Sache nicht. Darin liegt die Faszination ihres Spiels und weitergehend das Vergnügen, das die Zuschauer bei dessen Betrachtung empfinden können: in der Präzision, mit der Helen Mirren Mimik und Gestik setzt, mit der sie sich im Raum bewegt, mit der sie dem Text Melodie und den Worten Farbe gibt.

Da ist nichts zufällig, nicht das Heben einer Augenbraue, nicht das Zittern eines Fingers, nicht die Brüchigkeit, die sie einem Satz verleiht, nicht die Festigkeit, mit der sie einen Raum betritt. Es ist ihr ganzer Körper, mit dem sie arbeitet, ein feingestimmtes Instrument, dessen Ausdrucksvermögen vom leisen Ton zum voluminösen Crescendo reicht. Es ist die scheinbare Mühelosigkeit, die aus höchster Disziplin erwächst, die Mirren zu einer der großen Miminnen unserer Zeit macht.