Die Forschungsleiterin Abbie Vandivere untersucht das Gemälde „Mädchen mit dem Perlenohrring“ von Johannes Vermeer, das im Museum Mauritshuis hängt.
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Den Haag/Berlin Eine der Ikonen des Den Haager Mauritshuis, des weltberühmten Schatzkästchens der niederländischen Hauptstadt mit den erlesenen Sammlungen der Könige, ist Johannes Vermeers Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrring“ von 1665.  Auf dunklem Grund leuchte einem das Gesicht eines Mädchens entgegen. Alles Licht konzentriert sich auf die Augen, die Lippen, auf die es reflektierende Perle im Halbdunkel unter dem Ohr.

Wer das Haus je besucht hat, wird den Anblick gewiss ebenso wenig vergessen wie Rembrandts dort hängendes Frühwerk „Die Anatomie des Dr. Tulp“ oder Carel Fabritius' kleinen „Distelfink“. Nach mehr als 350 Jahren, so vermelden nun Den Haager Forscher auch über die deutsche Nachrichtenagentur DPA, sei es gelungen, mit Hilfe internationaler Experten einige Geheimnisse des rätselhaften Bildes der namenlosen jungen Frau mit gelber Jacke, blauem Turban und dem leicht geöffneten, rot schimmernden Mund zu lüften.

So zum Beispiel, dass der Maler die Konturen der Gestalt zügig angelegt und dann mehrmals korrigiert hat, er zuerst Schichten aus verschiedenen Braun-und Schwarztönen aufgebaut, sie aber dann übermalt hat. Die ganze Farbpalette ist nun belegt: Die Pigmente kamen aus aller Welt, und Vermeer benutzte viel kostbares Ultramarin, das damals so teuer wie Gold war. In der Signatur fanden die Wissenschaftler Pinselhaare.

Dennoch: Trotz aller Hightech-Möglichkeiten, mit Scannern Millimeter für Millimeter in die tiefsten Farbschichten einzudringen, behält das Porträt am Ende doch noch einige Mysterien. Ein Rätsel stellen etwa die magisch zarten Wimpern dar, mit dem bloßen Auge nicht wahrnehmbar und nur durch die Scanner sichtbar gemacht. Ebenso der schilfig dunkle Bildgrund. Und nicht zuletzt die wie schwebende Perle am Ohr.

Bis heute weiß niemand, wer die fragile Frauensperson mit den braunen Augen und den unterm Tuch verborgenen Haaren gewesen ist. Entdeckt aber wurde nun, dass der aus Delft stammende Vermeer (1632-1675) die Kindfrau ursprünglich vor einem grünen Vorhang gemalt hatte. Dieser war wohl im Laufe der Jahrhunderte verblichen, ist darum wohl irgendwann übermalt worden. Auch die Perle selbst sei „eine Illusion“, sagen  die Forscher, denn der Ohrring habe gar kein Häkchen, also keinen Halt. Das schimmernde Rund über dem weißen Kragen ist eine schwebende, geradezu surreale Erscheinung. Eine optische Täuschung.

Getäuscht hatten sich – zum großen Glück für die Kunstgeschichte und nicht zuletzt für das niederländische Weltkulturerbe – während der Okkupation  durch Hitlerdeutschland auch die Kunstagenten des „Führers“, die damals auf Jagd nach Kostbarkeiten für das geplante Linzer „Führermuseum“ waren. Im  Buch „Das Mädchen mit der Perle“ des Dresdner Kunsthistorikerpaars Ruth und Max Seydewitz (Buchverlag Der Morgen, 1972) ist nachzulesen, wie Vermeers Meisterwerk den NS-Kunstschergen entkam. Denn auf seiner Inspektionsreise auch nach Den Haag verlangte der Oberbefehlshaber des Heeres, Generalfeldmarschall von Brauchitsch, vom damaligen  Museumsdirektor Martin, das „schönste Bild“ seiner Sammlung herauszugeben.

Dieser ließ den Vermeer aus dem Schutzdepot an der Nordsee holen. Beim Anblick des Mädchenbildes aber, so ist es von Zeitzeugen überliefert,  lächelte  der Generalfeldmarschall ironisch und meinte verächtlich:„Das ist ja wohl eine Jüdin?!“ Dann wandte er sich augenblicks ab, ohne auf die Antwort zu warten. Der Mauritshuis-Direktor soll bei soviel Banausentum kein einziges Wort  mehr herausgebracht haben. Dann war er den lästigen und gefährlichen „Gast“ los.  Es war diese Tumbheit, die Vermeers Meisterwerk vor dem Zugriff der Nazis bewahrte – und dem Mauritshuis die wohl berühmteste seiner unschätzbaren Altmeisterikonen rettete.