Kirchenraum mit Stuhlkreis-Gottesdienst um Leiko Ikemuras Kunst
Foto: Philipp von Matt

BerlinAuf einmal hat die Kirche am Kulturforum wieder zehn Farbfenster. Auch wenn diese klein und auf Jute gemalt sind, erinnern sie doch an jene sakrale Glaskunst, die der Schinkel-Schüler August Stüler 1844 einbauen ließ. Bei Kriegsende vor 75 Jahren zerstörte eine Fliegerbombe das evangelische Gotteshaus St. Matthäus; das Geld für den Wiederaufbau reichte nur für Klarglas. 

Die Scheiben hat die Malerin Leiko Ikemura jetzt mit Buttermilch bestrichen und so zu Milchglas gemacht. Matt dringt das Tageslicht ein, trennt sanft transparent das Draußen und Drinnen, das bedrängende Weltgeschehen und den Schutzraum mit seinem Angebot an Andacht, Trost, Poesie und Philosophie. Jedem der Fensterbögen auf der Empore des Kirchenschiffs setzte die seit 1991 in Berlin lebende Malerin und Bildhauerin jeweils mittig ein pastellfarbenes Motiv ein.

Man glaubt, ein Boot in den Wellen wahrzunehmen, einen ZEN-Garten, Wald, Feld, Berge, Täler, Wolken, eine orkanartige Formation. „In Praise of Light“ nennt die Japanerin ihre Ausstellung. Kuratiert wird sie von Alexander Ochs und Pfarrer Hannes Langbein. Eigentlich hatte Leiko ihre Rauminstallation als Osterbeitrag gedacht: Als Licht der Auferstehung. Dann gingen die Kirchentüren wegen der Corona-Sperre zu. Es war dunkel in St. Matthäus. Am Sonntag gibt es nun wieder den ersten Gottesdienst. Anders als sonst. Um Leiko Ikemuras steinerne Plastik „Memento mori“– eine liegende Gestalt, halb Frau, halb Insekt, die einen zur Geburt eines neuen Wesens geöffneten Körper darzustellen scheint – sind Stühle und Bänke als große Ellipse mit weitem Abstand gruppiert.

Der Blick geht von diesem zentralen Motiv hin zu weiteren Plastiken, einer Frauenfigur mit dem Titel „Schrei“, zu einem wie von innen leuchtenden Glaskopf namens „Schlaf“. Und von dort aus hoch zu den Fenstern mit den nebligen Landschaften. Dann seitwärts zur Apsis hin. Dort läuft per Video das Altarbild vertikal von unten nach oben: Eine abstrakte Farberzählung, wie ein umgekehrtes Rollbild laufend in Endlosschleife. Die Motivfetzen sind nicht greifbar, die zarten Farben changieren in Stimmungen für  derzeitiges Hoffen und Bangen. Alles ist dunstig, zerfranst, rätselhaft.

Weiß nicht. Für Sekunden sind Kalligrafien erkennbar, japanische Tuschmalerei trifft auf expressive, breite Pinselspuren. In diesem, dem Gesetz des Flüchtigen gehorchenden Altarbild destilliert Leiko fernöstliche Tradition und westliche Moderne, Melancholie und die Feier der Schönheit des Lebens. Vor allem aber preist sie das Licht.

St. Matthäus Kulturforum

zwischen 12 und 18 Uhr ist die Kirche offen, Zutritt mit Abstand. Um 18 Uhr Gottesdienst mit Kanzelrede der Publizistin Lea Rosh (begrenzte Teilnehmerzahl). Ausstellung bis 13.September Di- So, 11–18 Uhr. Gespräch mit der Künstlerin am 18. Juni, 19 Uhr