Die britische Band The Psychedelic Furs
Foto: Oktober Promotion GbR/dpa

BerlinIrgendwie naheliegend, dass die Psychedelic Furs zuletzt 2017 durch den Soundtrack zur TV-Serie „Stranger Things“ wieder etwas deutlicher in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden. Es geht darin um eine Parallelwelt in einer der diversen Dimensionen, die es den Anhängern der physikalischen Stringtheorie zufolge gibt. Der Serien-Hit spielt wie auch die Psychedelic Furs und der in „Stranger Things“ benutzte Titel in den 80er-Jahren, aber derart idealtypisch, als seien sich die Bilder des Pastiches bewusst.

Musikalisch ist unser Jetzt ja schon länger eine relative Dimension, die von Retro-Styles und neu bedachten Ästhetiken geprägt ist. Das neue Album der Furs, „Made of Rain“, erinnert satte 29 Jahre nach dem letzten Album an die aufregende Fremdheit ihrer besten Zeit Anfang der 80er-Jahre, und dies nicht nur in den Momenten wie etwa der großartig boshaften Tirade „Don’t Believe“, der schwelgerischen Power-Misanthropie von „Wrong Train“ oder dem vorteilhaft formelhaften „No One“. Die verdichtet ins Ungefähre vermulmten Arrangements, der fiebrig-dunkle Strom, in den sie Velvet Underground, Roxy Music, Krautrock und die genervte Herablassung Johnny Rottens packten, bewahren eine ansprechend melancholische Dekadenz.

Die Furs glänzten dabei vor allem durch das Zwielicht der Harmonien und der Textur – sie sind eine Band des Sounds. Einen nicht unwesentlichen Teil zu dessen Prägnanz trug die Stimme Richard Butlers bei, der heute mit seinem Bassbruder Tim den verbliebenen Gründungssockel der Band bildet. Butlers Gesang klingt angeschabt und auch im Sehnen immer ein bisschen punkig fies. Diesen Reiz hat sie über die Jahrzehnte (Butler ist 64) stets bewahrt, was sich 2013 sogar der Berliner Technopionier Westbam zunutze gemacht hat, als er ihn als schmachtendes Nachttier für seine Single „You Need the Drugs“ einspannte.

Übrigens, auch dies ein gewisser „Stranger Things“- Effekt, haben die Furs doch nie aufgehört, in ihrer eigenen Parallelwelt die alten Hits aufzuarbeiten wie „Pretty in Pink“, der im gleichnamigen Film die Generation-X-Ikone Molly Ringwald erfand (mit einer von Butler ungeliebten, geglätteten Version des abgründigen Stücks).

Einen Hit dieses Formats findet man auf „Made of Rain“ nicht. Ein paar Mal verschenken sie, etwa in der eigentlich feinen Single „The Boy Who Invented Rock ’n’ Roll“, großartig ominöse Strophen im Refrain. Einige Songs klingen ein bisschen wie Furs-nach-Zahlen, aber da es ohnehin um diesen wie durch prasselnden Regen gespielten Sound geht, kann man auf originelle Songideen auch pfeifen, wobei sie mit dem dumpfen Bassgeschubber von „Come All Ye Faithful“ ihr Terrain ausnahmsweise verlassen, das aber sehr chic.

Seltsame Sache, dass sie dabei zwar nicht modern, aber zeitgemäß klingen. Das liegt an einigen kleinen Anpassungen in der Produktion, die den Sound voller und intensiver machen, als das in den 80ern möglich war. So wie in „Stranger Things“ die perfekte Ausstattung die 80er zugleich hyperauthentisch abbildet, sie aber doch von heute aus auf den Punkt gebracht erscheinen, so zeigen die Furs, dass die 80er auch in ihren spannendsten Momenten nie so gut aussahen, wie wir sie heute nachbauen können.

Psychedelic Furs: „Made of Rain“, Sony Music