Ibrahim Al-Khalil, Ali Khalil, Marcel Andree und Konstantin-Philippe Benedikt bei der Premiere des Kinofilms „Die Rüden“ im Filmtheater am Friedrichshain in Berlin am 18. August 2020.
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BerlinRüden, das sind männliche Hunde, klar. Rüde können auch Umgangsformen sein. Und eben die sind das verbindende Glied zwischen den drei Kötern und den vier Strafgefangenen, die in „Die Rüden“ von der Filmemacherin Connie Walther aufs Experimentierfeld geschickt werden. Genauer, in eine Art Arena in einem Verlies, anmutend wie ein Kampfplatz für Gladiatoren; ein Rund aus schroffem Beton, in dem die Rüden und die Rüden einander umrunden und belauern. Vorzugsweise ausfällig werden dabei die Hunde, irreparabel beschädigte Aggressionsbomben aus Muskeln, Knurren und Kläffen, gefletschten Zähnen, Geifer und krachendem Gebiss.

Wie Rumpelstilzchen springen die in der Mitte des Raums Angeketteten im Kreis herum, reißen an der Leine, trachten danach, die jungen Männer in ihren blauen Overalls zu zerfetzen. Die wiederum sind allesamt Gewaltverbrecher und nehmen teil an einer therapeutischen Maßnahme, die mit Haftverkürzung lockt. Aufgabe ist es, etwas herauszufinden über aggressives Potenzial, Reiz-Reaktionsmuster, instinktives Verhalten und Manipulation. Die unbeherrschten Hunde sollen die unbeherrschten Männer etwas lehren über Kontrolle und deren Verlust.

Als Mittlerin, Ringrichterin und Impulsgeberin tritt eine großflächig tätowierte Frau in Leder-Outfit und mit Punk-Frisur auf; weder die Hunde noch die Männer machen ihr auch nur die geringste Angst, nächtens aber ist sie in einem ewigen Kampf mit einem geflügelten Wesen begriffen – wie Jakob, der im Buch Genesis mit einem Engel kämpft, der möglicherweise seine eigenen dunklen Anteile und weitergehend die Schattenseiten des Menschlichen verkörpert. Man merkt schon, dass es sich hier nicht um einen Wohlfühlfilm handelt, in dem Mensch und Tier nach anfänglichem Zögern gemeinsam Katharsis erfahren und als geläuterte Wesen in die Gesellschaft zurückkehren. Die Hunde werden von den Männern nicht geheilt und die Männer von den Hunden nicht befriedet.

Geboren wurde die Idee zu „Die Rüden“, als Connie Walther ihre Ko-Drehbuchautorin, die Hundetrainerin Nadin Matthews – die sich hier quasi selbst spielt – zu einem Aggressions-Seminar in die JVA Wriezen begleitete. Die Rollen der Häftlinge wurden von ehemaligen Straftätern übernommen, und bei den eingesetzten Rüden handelt es sich um tatsächliche Problemhunde. Das Ergebnis lässt sich also auf vielfältige Weise auch dokumentarisch sehen und ist doch alles andere als nur dies.

Es geht weniger darum, wie ein Aggressions-Seminar abläuft, als darum, wie die Kombination von geringer Impulskontrolle und wenig Frustrationstoleranz, deren Ergebnis Aggression ist, aussieht und wirkt. Das reduktionistisch-ästhetisierte Setting, das Walther für die Konfrontation der animalischen Instinkte gewählt hat, ermöglicht einen abstrahierenden Blick und macht nicht nur in den jeweiligen Männchen die sprichwörtlich gewordenen, toxischen Maskulinitätskonzepte ersichtlich, sondern im virilen Kampf auch den Tanz und das Posen erkennbar. „Die Rüden“ ist Kino für den Kopf: ambitioniert, eigenwillig, herausfordernd.

Die Rüden, Deutschland 2018. Regie: Connie Walther, Drehbuch: Nadin Matthews, Connie Walther, Darsteller: Nadin Matthews, Ibrahim Al-Kalil, Marcel Andrée u.a., 107 Min., Farbe