Szene aus dem Film Die Stadt ohne Juden.
Foto:  Foerderverein Filmkultur Bonn e.V

BerlinDer Bürgermeister einer Großstadt begrüßt den ersten jüdischen Heimkehrer nach Jahren des Exils mit den Worten: „Mein lieber Jude!“. Dann wird der Mann auf den Schultern der Bürger durch die Straßen getragen. Diese arglose Szene steht am Schluss des Films „Die Stadt ohne Juden“, der im Juli 1924 in Wien zur Premiere kam. Erzählt wird darin die damals schier unvorstellbare Geschichte einer kollektiven Vertreibung. 

Was würde geschehen, wenn sich plötzlich eine Metropole mitten in Europa ihrer jüdischen Bevölkerung berauben würde? Die Antwort des Films fällt eindeutig aus: Dies wäre schlicht unmöglich! Denn die Wirtschaft würde binnen Kürze zusammenbrechen; ganz abgesehen von den zerrissenen zwischenmenschlichen Bindungen. Ein Happy End gibt es aber nur im Kino. Zehn Jahre nach diesem Gedankenspiel tobte der Völkermord.

So erreicht uns heute diese filmische Flaschenpost als ein beklemmendes, dabei gleichzeitig bizarres Menetekel. Dieser Film ist keineswegs ein durchweg gelungenes Meisterwerk. In seiner Unbekümmertheit hält er uns aber - mit dem Wissen um die nachfolgenden Ereignisse - einen gespenstischen Zerrspiegel vor. Sein fast unheimlicher Reiz speist sich aus der Diskrepanz zwischen Fiktion und der kurze Zeit später brachial einbrechenden Zeitgeschichte.

Wien als (namentlich nie genannter) Schauplatz befand sich zum Zeitpunkt der Dreharbeiten in einem filigranen Zustand. Nach dem verlorenen Krieg und der Schrumpfung der eben noch so gloriosen K.-und-K.-Monarchie suchten hunderttausende jüdische Menschen im „Mutterland“ Zuflucht. Sie waren nicht willkommen. Populisten formten auch damals gekonnt die Existenzängste der Schwachen in Hass auf die noch Schwächeren um.

1920 etwa war es bei einer Hungerrevolte in Graz („Kirschenrummel“) zu antisemitischen Übergriffen gekommen. Auch von ihren assimilierten Glaubensbrüdern und -schwestern schlug den Flüchtlingen oft Ablehnung entgegen. Befürchteten diese doch, ihre mühsam erkämpften Positionen wieder zu verlieren. Das alles lässt sich nachlesen, am besten bei Joseph Roth - dem dies am eigenen Leib widerfuhr.

Im Film gibt es grandiose Momente. In einer Caligari-Parodie findet sich ausgerechnet Hans Moser als stramm-nationalistischer Abgeordneter in einem philosemitischen Alptraum wieder. Die Realität verlief anders und offenbart viele Widersprüche. Der von Goebbels verehrte Moser konnte seine Ehefrau vor den „Nürnberger Gesetzen“ retten, spielte dafür bis zum bitteren Ende den populären Komödianten. Sowohl Regisseur Hans Karl Breslauer als auch Hauptdarsteller Johannes Riemann wurden NSDAP-Mitglieder. Letzterer trat sogar vor SS-Wachmannschaften in Auschwitz auf. Hugo Bettauer, der Autor der Romanvorlage, fiel 1925 einem Mordanschlag zum Opfer. Auch die meisten im Film eingesetzten jüdischen Statisten dürften die Jahre zwischen 1938 und 1945 nicht überlebt haben.

„Die Stadt ohne Juden“ ist auf DVD bei absolut Medien erschienen und kostet zirka 15 Euro. Die Neuvertonung stammt von Olga Neuwirth. Elfriede Jelinek hat einen Essay zum Film geschrieben, der im Booklet abgedruckt ist. Die Romanvorlage von Hugo Bettauer ist als preiswerte Taschenbuch-Neuauflage erhältlich.