Melli (Franziska Hartmann, r.) übt gemeinsam mit Kolleginnen für ihre Flugbegleiterin Prüfung.
Foto: ZDF/Martin Rottenkolber

BerlinDie Mutter krabbelt mit ihrem Sohn aus einem Wald am Kölner Stadtrand – im taubenblauen Rock, mit weißer Bluse und Rollkoffer. In einer Bahnhofstoilette machen sich die beiden frisch, Melli (Franziska Hartmann) fährt zur Ausbildung als Stewardess, der neunjährige Ben (Claudio Magno) in die Schule. Es sieht wie ein Abenteuerspiel aus – doch tatsächlich leben Mutter und Sohn schon länger in einem Zelt im Wald. Sie behalten ihr Geheimnis für sich. Erst nach und nach erfährt der Zuschauer die Hintergründe: Melli hatte die Miete einbehalten, weil die Wohnung voller Schimmel war. Ihr wurde gekündigt, und sie bekommt wegen des Schufa-Eintrags keinen neuen Mietvertrag. Das Sozialamt hat ihnen nur einen Platz in einer Notunterkunft angeboten. Doch „zwischen Irren und Junkies“ will Melli nicht leben, und ihre Freunde um eine Übernachtung anbetteln will sie auch nicht.

Der Film „Sterne über uns“ erzählt davon, wie viel Kraft Menschen in das Aufrechterhalten einer Fassade stecken können. Drehbuchautorin Christina Ebelt, die hier erstmals auch Regie führte, fragt in einem Statement, ob eine Gesellschaft es sich leisten könne, immerzu nach Selbstverantwortung und Schuld zu fragen. Fast unmerklich spitzt ihr Film die Lage zu: Mal hat Ben Fieber, mal startet Mellis Rückflug nicht pünktlich, mal ist das Zelt von Fremden abgerissen worden, schließlich wird die Frau vom Jugendamt misstrauisch. Immer enger, immer verzweifelter rücken Mutter und Sohn zusammen.

Dass dieses intensive, aber unspektakuläre Drama zur Hauptsendezeit als „Fernsehfilm der Woche“ laufen darf, ist für das ZDF recht ungewöhnlich. Entstanden war „Sterne über uns“ als „Kleines Fernsehspiel“, das nur ganz selten um 20.15 Uhr gezeigt wird. Zuletzt war das der Fall bei dem Schwangerschaftsdrama „24 Wochen“ von Anne Zohra Berrached, das zuvor schon auf Festivals erfolgreich war. Auch der Film „Systemsprenger“, der 2019 erst auf der Berlinale, dann im Kino für Furore sorgte, entstand als Koproduktion mit dem Kleinen Fernsehspiel – und sollte im ZDF nicht erst um Mitternacht laufen.

Ein ungewohntes Sujet, eine offene Dramaturgie und neue, kraftvolle Darsteller bewies nicht nur Nora Fingscheidts „Systemsprenger“ – all diese Elemente zeichnen auch Christina Ebelts „Sterne über uns“ aus. Mutter Melli und Sohn Ben sind auf ihre Art Systemsprenger – ihre Wut und ihre Verweigerung gehen nicht laut nach außen, sondern still nach innen. Franziska Hartmann vom Hamburger Thalia Theater ist eine Entdeckung für den Film: Wie ihre Melli versucht, eine innige Mutter, eine unerschrockene Camperin, eine perfekte Stewardess und eine attraktive Liebhaberin zu sein, das ist deutlich spannender als die Krimireihenroutine, die das ZDF sonst Woche für Woche am Montag präsentiert.

Sterne über uns – Mo, 15.6., 20.15, ZDF