Prof. Dr. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Neuen Museum nach einer 10-jährigen Sanierungsphase im Oktober 2019.
Foto: DAVIDS/Sven Darmer

BerlinDie vom Wissenschaftsrat geforderte Revolution der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, die eigentlich am 19. August mit einer Sitzung des Stiftungsrats beginnen sollte, ist faktisch passé. Nachdem schon der bayerische Kultusminister Bernd Siebler und etliche andere Länderpolitiker mitgeteilt haben, dass an eine zusätzliche Verlagerung von kulturpolitischen Zuständigkeiten an den Bund gar nicht zu denken sei, ist vergangene Woche sogar der sonst so handzahme Kulturausschuss des Berliner Abgeordnetenhauses hineingegrätscht: Die Verantwortung der Länder solle nicht zerschlagen, sondern gestärkt werden.

Genau die Zerschlagung aber hatte der Wissenschaftsrat im Juli gefordert: Die Staatsbibliothek, das Geheime Staatsarchiv und das Ibero-Amerikanische Institut sollen als eigenständige Organisationen direkt der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien, vulgo dem Kulturstaatsministerium des Bundes, unterstellt, die Staatlichen Museen dagegen in eine neue, vom Bund und vom Land Berlin getragene Stiftung übertragen werden. Damit wären die Länder in der Betreuung des gigantischen kulturellen Erbes Preußens vollständig entmachtet, das von der Bundesrepublik seit 1957 mit großem Engagement ausgeweitet wurde.

Allmachtsansprüche zurückschrauben

Dass die Länder sich wehren würden, war abzusehen. Und sie haben das administrative Mittel dazu: Jede Entscheidung in deren Stiftungsrat muss nämlich eine doppelte Mehrheit erreichen: die aller Stimmen im Bundesrat und diejenige innerhalb der Länder. Das zwingt zur Zusammenarbeit. Warum auch sollten die Länder ihrer Entmachtung zustimmen? Sie haben über den Hebel Preußen-Stiftung die Möglichkeit, informell Millionen Bundesgelder in die eigenen Kassen zu spülen. Berüchtigt ist etwa der Handel zwischen Hamburger Bundestagsabgeordneten, die der Hansestadt 200 Millionen für ein umstrittenes Hafenmuseum sicherten und dafür die Mehrheit für jene 450 Millionen organisierten, die das von Kulturstaatsministerin Monika Grütters innig gewünschte Museum der Moderne – die in jeder Hinsicht skandalöse „Scheune“ mitten auf dem Kulturform – verschlingen darf.

Das Problem ist: Mit dem vorhersehbaren Scheitern der Wissenschaftsrats-Revolution sind die Probleme vor allem der Staatlichen Museen keineswegs gelöst. Deswegen müssen die Mit-Verursacher der Probleme, die 16 Bundesländer nämlich, der Bund mit Monika Grütters und die Stiftungsspitze unter Hermann Parzinger endlich ihren Allmachtsanspruch zurückschrauben. Der Zentralismus und das Top-down-Regieren über die Interessen und die Kenntnisse der Mitarbeiter hinweg, das Bund und Stiftungsspitze immer wieder und nicht ein einziges Mal mit Erfolg gekrönt versuchten, ist umfassend gescheitert.

Eine Stiftung muss auch mal Nein sagen

Sie müssen jetzt den Museen und der Staatsbibliothek endlich jene finanzielle und organisatorische Autonomie, jene Personalberufungshoheit zurückgeben, die ihnen 1999 und 2006 geraubt wurden. Endlich muss auch der von den Ländern 1996 (!) gelegte Deckel auf den Stiftungsfinanzen entfallen, damit vor allem die Museen jene Betriebsmittel erhalten, die sie dringend für die Instandhaltung der Bauten und Sammlungen, für Projekte wie die Digitalisierung und die didaktische Arbeit, für neue Programme und Ausstellungen brauchen.

Die Bedingung dafür ist allerdings, dass die Museen unter dem bisher so peinlich schweigenden Generaldirektor Michael Eissenhauer endlich einen eigenen Masterplan für ihre eigene Entwicklung vorlegen, der die Standorte und Sammlungen aufeinander abstimmt, der Dahlem als neues Forschungszentrum begreift, auch manches noch nicht begonnene Projekte wie das Museum der Moderne stoppt, andere wie den nach Ansicht so gut wie aller Fachleute viel sinnvolleren Neubau neben der Museumsinsel voranschiebt, ohne dass repräsentativ orientierte Sammler und Politiker bremsen oder der Bundesrechnungshof die angebliche Verschwendung von Planungsgeldern kritisiert.

Letztlich aber muss es darum gehen, eine von Bund und Ländern garantierte und mitfinanzierte, aber inhaltlich und in ihren inneren Belangen autonome Stiftung zu organisieren, mag sie heißen, wie sie will. So eine Stiftung, wie sie die Smithsonian Institution in Washington ist, die aus eigenem Vermögen heraus agieren kann, in deren Gremien nicht Politiker die erdrückende Mehrheit haben, sondern Fachleute für das Bibliotheks- und Museumswesen. Eine Stiftung, die auch mal Nein sagen darf. Es wird sich schon am 19. August zeigen, ob die Stiftungsspitze, die Länder und der Bund bereit sind für eine solche Reform, die dann doch, nun ja, eine Revolution sein könnte.