Marcello, aus der Serie „Stageless“, 2019, Friedrichstadt-Palast Berlin.
Foto: Sven Marquardt

Berlin - Nicht mehr länger ist der Friedrichstadt-Palast ein Geisterhaus. Das schwarz ausgekleidete Foyer ist nun bis Ende November Ausstellungsort, gibt eine ungewöhnliche Fotokunst-Vorstellung, wo doch bis Dezember alle Shows wegen der Corona-Pandemie abgesagt sind für die weltgrößte Theaterbühne mit jährlich einer halben Million Besuchern.

Am 10. März war die letzte Vorstellung, dann fiel der Vorhang. Ein kalter Entzug für das Tanz- und Artisten-Ensemble. Sven Marquardts Analog- Serie „Stageless“ war da längst fertig, 500 Porträts von 26 Tänzerinnen, Tänzern und Akrobaten. Fotografie wie Malerei in Schwarz-Weiß-Kontrasten, mit Schatten, bizarren Kostümen und Requisite-Fragmenten, das Bildgeschehen mit geradezu surreal wirkenden Geheimnissen aufgeladen. Der Berliner Fotograf, schon als Türsteher vom Club Berghain eine Kultfigur, ist ein unverwechselbarer Beobachter und Erzähler. Er fing einen Monat lang in den jungen Gesichtern und wie von Aphrodite und Adonis geformten Körpern, in den Haltungen, auch Posen ungeschönt die abgrundgleiche Stille nach dem Beifall ein – die Erschöpfung  nach der Hochleistungsanspannung mit Resten des Adrenalinschubs, Glücksgefühl. Auch Skepsis, Unzufriedenheit über die eigene Leistung.

Der Fotograf Sven Marquardt, im roten Pullover, und seine Modelle zur Eröffnung der Ausstellung „Stageless“ auf der Foyer-Treppe des Friedrichstadt-Palastes, rechts neben ihm C/O-Chef Stephan Erfurt und links Friedrichstadt-Palast-Intendant Berndt Schmidt.
Foto: dpa/Paul Zinken

Jedes Foto ist eine Verwandlung von der Bühnenrolle ins Private nach der Show, ein Oszillieren zwischen Schein und Sein. Tänzerin Hanna schaut frontal in die Kamera, das Gesicht halb abgeschminkt. Mit ihrem Haarnetz, das soeben noch unter einem Hut verborgen war, hat sie ein wenig Ähnlichkeit mit einer Garderobenszene aus István Szabós Kultfilm „Mephisto“. Irgendwie ist die junge Frau auch eine androgyne Marcel-Marceau-Pantomime-Gestalt, die gerade dabei ist, zurückzukehren in den Alltag. Und der Tänzer Ezzat steht da in der Unterhose, die Lippenschminke läuft über Wange und Kinnpartie, aus der Erschöpfung leuchtet noch das Glücksgefühl des kaum verklungenen Beifalls. Und übers Gesicht der Trapez-Artistin Christin zieht sich ein feines schwarzes Netz, alles ist aufgeladen mit einem Geheimnis, so sehr, sagt die junge Frau, dass sie sich beim ersten Anblick der Fotos erschrocken habe. Nie zuvor hat sie sich selber so gesehen, mit den spitzen Metallschuhen, pragmatischerweise unverzichtbare Sicherung bei der Trapeznummer. Doch auf dem Foto – gemacht im Fahrstuhl – wirken diese Utensilien wie die Füße eines Monsters aus einem Hieronymus-Bosch-Gemälde.

Marquardts Motive, haben, das darf man wohl sagen, die zweite Ebene, etwas Abgründiges, Erotisches, auch Rätselhaft-Melancholisches. Etwas, das besagt: Alles kann auch ganz anders sein. Und alles ist vergänglich, fließt hinweg mit dem uferlosen Strom der Zeit. Empfunden vom Fotografen wohl auch aus dem ihn selbst irritierenden Labyrinth seiner Eigenzeit. Marquardt schafft in seinen Porträts tatsächlich eine eigenartige Symbolik, wie auf Gemälden Alter Meister. Und immer ist da viel mehr als die Bildoberfläche samt eigenwilliger Ortswahl – Lift,  Flur, Keller, Hinterausgang des Showtheaters – dazu die ambivalenten Posen der Tänzerinnen und Tänzer samt metaphorischem Beiwerk vermittelt. Marquardt will Körperlichkeit, Spuren des Lebens, die Patina der Erfahrung zeigen. Aus seinen Transformationen liest man manche Ode an die Schönheit und, welch schöne Verstörung, zugleich auch den Schmerz der Einsamkeit nach dem Hochgefühl. Leere, Ängste, Melancholie.

Beatrice, aus der Serie „Stageless“, 2019, Friedrichstadt-Palast Berlin.
Foto: Sven Marquardt

Der Fotograf dachte in der Situation des Lockdowns zunächst nur an ein Fotobuch für seine außergewöhnliche Serie. Doch Berndt Schmidt, der Intendant des Friedrichstadt-Palastes, und Stephan Erfurt, Chef der Fotogalerie C/O, und sein Kurator Felix Hoffmann setzten ihre gemeinsame Idee um: Aus dem Palast-Foyer wurde eine temporäre Galerie, das Ensemble tritt ohne Bühne auf. 68 Großfotos werden zur Inszenierung der Stille, die ihre ganz eigene Magie und emotionale Wucht hat. Zur Eröffnung sind sie alle gekommen. 26 junge Frauen und Männer stehen vor ihren Porträts, genießen das Blitzlichtgewitter der Pressefotografen und die zudringlichen Kamerafahrten der TV-Leute. Sven Marquardt steh mitten unter ihnen. Dieser Menschensucher in der Erscheinung eines Höllenfürsten mit der Seele einer Friedenstaube macht dieses arbeitslos gewordene junge Ensemble glücklich für den Augenblick. Es tanzt, auch ohne Show. Wann das Haus wieder öffnen darf, steht in den Sternen. Das Foyer des Friedrichstadt-Palastes ist für zwei Monate die Bühne.

Nikolay, aus der Serie „Stageless“, 2019, Friedrichstadt-Palast Berlin.
Foto:  Sven Marquardt

Friedrichstadt-Palast, Foyer, Haupteingang, Friedrichstr. 107. Eine Kooperation von C/O und Friedrichstadt-Palast im Europäischen Monat der Fotografie. Bis 29.11., tgl. 11–20 Uhr, Zugang nur mit Mund-Nasen-Maske. Zeit-Tickets über: www.palast.berlin/stageless