Marc Oliver Schulze im Dino-Kostüm
Foto: Matthias Horn

BerlinDies ist mal wieder so ein Abend für die Peter Moltzen-Compagnie. Was das heißt? Der Komödiant Moltzen schmeißt seine berühmte Faxenmaschine an, animiert seine vier Schauspielerkollegen das gleiche zu tun und spielt so an diesem Zweistünder im Neuen Haus des BE ungezählt zwanzig verschiedene Moltzenclownsnummern ab

Eine der schönsten ist die: Da bückt er seinen Oberkörper langsam, mit großem Hallo nach vorne, besser gesagt nach hinten zum Schlüsselloch an der Tür der zweistöckigen Spielbude, die zwischen Studier- und Zauberhaus hier die Hochstapler-Kulisse abgibt, und streckt dabei seinen knackigen Hintern in enger Goldhose so gespreizt und frech nach hinten, also uns in den Blick, dass seine voyeuristische Geste sofort von ihm weg auf uns über schlägt: Wer ist nun schamloser, der Schlüsselloch- oder die Arschlochgucker?

Eigentlich(!) ein Kracher

Ja, so sind Moltzen-Nummern. Und die sind wirklich nicht das Schlechteste an diesem sonst eher enttäuschenden Abend, mit dem der Autor und Regisseur Alexander Eisenach seine im Sommer begonnene Recherche über das „Prinzip Krull“ fortsetzt. Dabei sollte nach der flauen Bebilderung des Thomas Mann’schen Romans zum Saisonstart nun nicht mehr nur literaturhistorisch geplänkelt, sondern mit einem eigenen Stück uns allen kräftig die „Stunde der Hochstapler“ geschlagen werden.

Eigentlich ein Kracher! Nicht nur, weil in marktdominanter Zeit das „Selbst-Optimieren“ und „Profit-Verschleiern“ Lebens- und Arbeitsprinzip schlechthin ist. Sondern auch, weil die darunter fast vergessenen philosophischen Grundfragen „Was kann ich wissen¿“, „Was soll ich tun?“, „Was darf ich hoffen?“ zu den ältesten und, ja, bis heute umstrittenen Wahrheitsfindungsproblemen der Denkgeschichte gehören.

Nicht die Lüge als erste Wahrheit, sondern die Wahrheit als erste Lüge

Genau dieses Grundsätzliche hat es Eisenachs Figuren nun auch besonders angetan, weshalb sie sich gar nicht groß mit Selbstvermarktungsgeschichten aufhalten und gleich kopfüber in die Kompliziertheiten bewusstseinstheoretischer Thesendrescherei springen: „Wann hat das eigentlich angefangen, dass wir lügen?“ Ist es jener Moment, „in dem sich das menschliche Bewusstsein manifestiert“? Oder schon „an dem wir beginnen, aufrecht zu gehen“?

Als Peter Moltzen so sinniert, liegt er rücklings auf dem Boden, wobei er nur halb aus dem zahnreichen Lachmaul jenes Spielfigurengesichts ragt, das man schon aus der „Krull“-Inszenierung vom Sommer kennt und ihn gleich als Nachfolger kennzeichnet. Und Moltzen kostet das aus, brabbelt und brabbelt und kategorisiert dabei so neunmalklug das Budengebiss, als wäre er der Zahnarzt, bis er plötzlich abbricht, alles Komödiantische aus seinem Gesicht wischt und eisig ernst die zitierten Sätze doziert.

Eineinhalb Stunden später wird er dann nicht mehr wie zu Beginn die Lüge als erste Wahrheit, sondern die Wahrheit als erste Lüge verkünden, denn das Drehen und Wenden von Storys ist nun mal sein Beruf. Neben dem Clown in eigener Sache spielt Moltzen hier nämlich auch einen hibbeligen Autor und Filmregisseur, der mit seinem neuen Streifen aus der Schreibblockade finden will, die eben viel mit dem vertrackten Lüge-Wahrheit-Verhältnis zu tun hat.

Am Ende doch alles in rhetorisch hölzerner Hochstapelei stecken

Der neue Film soll nun kurzerhand den Ausstieg des Bewusstseins aus dem Bewusstsein darstellen, wobei die Künstliche Intelligenz, eine entscheidende, nicht aber die finale Heldenrolle spielt. Der Hornbrillen-Produzent Marc Oliver Schulze ist begeistert, und so spinnen die beiden sich parodistisch munter in ihren Kassenknüller hinein. Was hier noch witzig ist, kommt im Laufe des Abends aber in kein tieferes Fahrwasser mehr. Denn zwei Szenen später, wenn die beiden als Fell behängte Urmenschen ihre Diskussion über Sein und Bewusstsein am Lagerfeuer fortsetzen, sekundiert von der sympathisch spröden Prophetin Cynthia Micas, imitiert das nur noch den unsäglich seichten Sparwitz der ZDF-„Sketch History“.

Zwischen Dumm-Klamauk dieser Art und pathetisch besserwisserischen Ansprachen ans Volk in krachend unreflektierter „Wir“-Rhetorik – Cordelia Wege hat als Psychotherapeutin im 30er-Jahre-Filmdivenlook einen Auftritt, auch Wolfgang Michael als schlotternder Gelehrter – bleibt am Ende doch alles in rhetorisch hölzerner Hochstapelei stecken.

„Wir sind, also lügen wir“ kann man die Eisenach’sche Metaphysik auf den Punkt bringen, die sich in mäandernden Arzt-Patient-Urmensch-Filmfuzzi-Gesprächen immer denkfauler und fortschrittskritischer in ein durch und durch sophistisches, im besten Fall dadaistisches Netz aus leeren Behauptungen und Folgerungen einspinnt. Halbwegs Treffendes über das Werden des Bewusstseins oder zumindest ein Quäntchen Gegenwartskritik verpufft im Budenzauber.