Schön wäre es auch nicht, aber vielleicht einfacher: Statt im lauwarmen Ungefähr entweder himmelhochjauchzend oder zu Tode betrübt zu leben, als schlichte authentische Menschen mit großen authentischen Gefühlen. Nicht alles wäre gut, aber wenigstens wir selbst könnten uns gut sein. Dahin scheinen jene Abseits-Seelen der industriellen Revolution 1.0 gestrebt zu haben, die mit einem guten Maß an Realitätsverweigerung ihr Außenseitertum kultivierten und später als „Romantiker“ in den Kultur-Kategoriensack einsortiert wurden. 

Tortenkerzen oder Totenkerzen

Können wir sie, in mindestens gleich entfremdeter Wirrnis und mittlerweile bei Industrie 4.0, nicht allzu gut verstehen? Womit das Gemeinschaftsprojekt „Himmelerde“ von Familie Flöz und der Musicabanda Franui, das am Donnerstag in der Staatsoper Premiere hatte, eine Art Selbsterfahrungstrip auf gut vorgebahnten Pfaden wäre. Je nach Sichtweise: Die hatten damals schon unsere Probleme. Oder: Viel weiter sind wir immer noch nicht.

Ein Anteil nehmendes Gefühlsmitschwingen war garantiert bei einem Programm, das mit Schuberts „Der Tod und das Mädchen“ beginnt und mit „Du bist die Ruh“ endet: auch wieder eine Art Tod, wenn in trauter Sympathie die Tortenkerzen ausgeblasen werden, die vielleicht auch Totenkerzen sind, weil der Sensenmann sowieso daneben steht in dieser Welt zwischen Friedhof und Tanzboden, die Michael Vogel inszeniert, Felix Nolze sparsam bebildert und Hajo Schüler mit traurigen Altkinder-Masken verkleidet hat. 

Ein locker gefügter Bilderbogen, der nicht viel erzählt, was wir nicht schon zu wissen glauben – das macht ihn ja so heimelig –, aber mit fortschreitender Zeit zerflattert sein Zusammenhalt zunehmend.

Von Schumann bis Mahler

Die Lieder – das ganze Jahrhundert bis zu Webern singt mit, Schumanns Eichendorff-Vertonungen und Mahler erhalten viel Gewicht  – werden mit Posaunenchorälen und traulichen Zupf-Arrangements aus dem Salon an ihre schwerblütig raunenden Quellen zurückgeführt.

Die Wahl fällt meist auf sinnende bis trauermarschierende Tempi, Anna Prohaska und Florian Boesch singen mit raffiniert ausgehöhlter Brüchigkeit, Paul White tanzt zwischen ihnen allerlei verdrehte Alpträume – und dann ist’s aus und wir machen mal einfach weiter wie bisher.

"Kopernikus" - der Titel ist ziemlich schräg

Diese Möglichkeit haben die Personen in der 1982 entstandenen Oper „Kopernikus“ von Claude Vivier nicht mehr; sie haben die Erde längst verlassen.

Der Titel ist ziemlich schräg, jedoch mit Hintersinn. Mit der realen Person des Astronomen hat die Oper kaum etwas zu tun, auch die anderen Figuren der Handlung, vom Zauberer Merlin bis zum Komponisten Mozart, sind eigentlich keine Personen, sondern nur Ideen. 

Sie bewegen sich in einer transzendenten Sphäre, einem Jenseits, das die neue, am Freitag präsentierte Studioproduktion der Staatsoper als die Phantasiewelt eines kleinen Mädchens zeigt – auch „Alice im Wunderland“ spielte für das Werk des kanadischen Komponisten eine wichtige Rolle. 

Wie ein Mysterienspiel

Das Stück ist angelegt wie ein Mysterienspiel, die sieben Sänger und Sängerinnen treten in ihre Rollen ein und wieder heraus, ohne sich in irgendwelche Handlungen oder Intrigen zu verstricken. Sie sind einzig bedacht auf ihr Seelenheil, suchend nach Reinheit und Licht. Das Menschliche, das diese Schatten in sich tragen, zeigt sich in ihrem Bedürfnis nach Kommunikation. 

Das arbeitet die Inszenierung von Wouter van Looy auf ernsthafte und liebevolle Weise heraus, ohne dabei das gleichsam körperlose Wesen dieser Figuren aufzulösen. Neben Französisch gibt es auch ein paar Brocken Deutsch, über weite Strecken aber herrscht eine Phantasiesprache, der Vivier nach dem Vorbild surrealistischer écriture automatique seine Botschaften anvertraute: „Na kawa loi, mi koumikou ya.“

Keinen Moment langweilig

Der seltsame Traumreigen der sieben Vokalisten spielt in der Mitte des Raumes, in und um einen großen Kunststoffzylinder, der im wechselnden Licht den Blick sowohl durchlassen als auch spiegelnd abwehren kann. Diese visuelle Ambivalenz trägt die Unbestimmheit der Figuren, sie korrespondiert auch auf intuitive Weise mit dem eigenartigen Schwebezustand, den Viviers nach außen hin einfache, dabei aber komplex entwickelte und in keinem Moment langweilige Musik einnimmt. Oft nur einstimmig oder homophon, aus kleinen Zellen unregelmäßig wachsend, harmonisch vertraut und doch gebrochen, entwirft sie eine eigene Klangwelt.

Ihre energetische Kraft wird vom Dirigenten Errico Fresis nicht geglättet, und die Solisten des Opernstudios können glaubhaft machen, dass es sich bei diesem kleinen, siebzigminütigen Werk eigentlich um ein ganz großes handelt.

Himmelerde wieder am 6. und 7.4.,  

Kopernikus wieder 23., 25., 28., 30.1., 2.2., Staatsoper Unter den Linden, Tel.: 20354555