Unruhige Zeiten bei der Süddeutschen Zeitung.
Foto: imago images/Schöning

BerlinRecht unruhig ging es zuletzt bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) zu. Ende Oktober 2019 verließ Digital-Chefredakteurin Julia Bönisch nach langem Streit mit ihren Co-Chefredakteuren Kurt Kister und Wolfgang Krach das Blatt. Innenpolitikchefin Ferdos Forudastan ging nach nur zwei Jahren im Februar 2020. Die Leiterin des nicht unwichtigen Ressorts München, Region und Bayern, Nina Bovensiepen, verabschiedete sich im Frühling in ein Sabbatjahr. Die hochdekorierte Datenjournalistin Vanessa Wormer, die beispielsweise die Panama Papers auswertete, wechselt zum 1. September zum SWR. Noch frisch ist die Kündigung der gerade mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichneten Investigativredakteurin Katrin Langhans.

Die Zahl der Mitarbeiter, die 2020 die SZ-Redaktion verlassen oder gekündigt haben, liegt bei mindestens elf. Das mag für eine so große Zeitung nicht viel sein. Doch die Zusammensetzung der Abgänge ist bemerkenswert. Von den elf Journalisten, die dem Blatt den Rücken kehren, sind neun Frauen. Fünf von ihnen waren einst der ehemaligen Digitalchefin Bönisch unterstellt. Es stellt sich die Frage, ob die SZ ein Problem mit Frauen und Onlinern hat.

Das Blatt spricht auf Anfrage recht allgemein von „Mutmaßungen“ und „falschen Informationen“. Konkrete Fragen lässt es unbeantwortet. Man scheint sich, was die Frauen betrifft, aber des Problems bewusst zu sein: Schon seit längerem steht fest, dass Judith Wittwer, die vom Zürcher Tagesanzeiger kommt, den 63-jährigen Kister in der Chefredaktion ersetzt. Sie fängt am 15. Juli an. Dann wird es mit der bisherigen Israel-Korrespondentin Alexandra Föderl-Schmid als Stellvertreterin eine weitere Frau in der Chefredaktion geben. Nachrichtenchef Ulrich Schäfer wird ebenfalls stellvertretender Chefredakteur.

Nun wurde auch die Ressortleiterebene umstrukturiert. Auf den ersten Blick scheinen die Frauen die Gewinner zu sein: Wissenschaftsredakteurin Marlene Weiß leitet künftig das Wissensressort. Die stellvertretende Seite-3-Chefin Karin Steinberger übernimmt die Leitung der Seite. Die Medienseite der SZ wird dem neuen Ressort Feuilleton Medien zugeschlagen. Die bisherige Medien-Chefin Laura Hertreiter wird das neue Ressort gleichberechtigt mit Alexander Gorkow leiten, bisher Seite-3-Chef.

Was wie ein Durchmarsch der Frauen aussieht, ist jedoch keiner. Für die bisherige Feuilleton-Chefin Sonja Zekri ist offenbar keine Leitungsfunktion mehr vorgesehen. Folglich hat sich die Zahl der Frauen auf Chefredakteurs- und Ressortleiterebene im Vergleich zum Zeitpunkt unmittelbar vor Bönischs Abgang um gerade mal eine erhöht. Die Zahl der leitenden Redakteurinnen ist gleichgeblieben, da die frischgebackenen Ressortleiterinnen Steinberger und Hertreiter zuvor bereits Leitungsfunktionen innehatten.

Für die Onliner hat sich nichts zum Besseren geändert. Keiner der neu berufenen Ressortleiter kommt aus ihren Reihen. Einer verliert gar seinen Posten. Das Online-Politikressort wird mit den beiden Print-Ressorts Innen- und Außenpolitik zusammengelegt. Geleitet wird es vom bisherigen Außenpolitikchef Stefan Kornelius. Was aus Peter Lindner wird, dem bisherigen Leiter des Online-Politikressorts, ist unklar.

Die übrigen Personalien sehen so aus: Neuer Nachrichtenchef wird Nicolas Richter, der bislang das Investigativressort leitete. Seine bisherige Position übernimmt Jörg Schmitt, der Ende April vom Spiegel kam. Für die Koordination der Samstagsausgabe ist künftig der bisherige Wissensressortleiter Patrick Illinger verantwortlich. David Pfeifer, der diesen Posten bisher bekleidet, geht als Korrespondent nach Südostasien. Von London aus berichtet künftig Andrian Kreye, bisher zusammen mit Zekri Leiter des Feuilletons. Die bisherige London-Korrespondentin Cathrin Kahlweit geht nach Wien, wo sie Peter Münch ersetzt, der nach Israel wechselt.

Das neue Personal-Tableau trägt Krachs Handschrift. Seine künftige Co-Chefredakteurin Wittwer war bei der Verkündung der Personalien in den betroffenen Ressorts am Dienstag zwar per Video zugeschaltet. Sie kennt die Redaktion bislang aber kaum. Mancher in der SZ hält es für unglücklich, dass vor dem Amtsantritt der neuen Chefredaktion über die neuen Ressortleiter entschieden wurde.