Die Summe der Süchte ist immer gleich. 
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BerlinLetzte Woche erzählte ich von meinen Bemühungen, einen Monat lang keinen Alkohol zu trinken. Diese Zeilen hier schreibe ich am 15. Januar, was bedeutet, dass ich nunmehr bereits die Hälfte des Monats geschafft habe. Im Ferienlager nannte man das früher Bergfest. Über meinen derzeitigen Zustand werde ich sogleich berichten. Zunächst möchte ich mich aber für die vielen Briefe und Mails bedanken, die ich von Ihnen, liebe Leser, bekommen habe. Ihrer warmen Anteilnahme entnehme ich, dass der Alkohol auch in ihrem Leben eine gewisse Rolle spielt. Das ist schön, ich weiß jetzt, dass ich nicht alleine bin.

Einige von Ihnen sendeten mir Tipps, wie ich ohne größere seelische Schäden durch den Entzug komme. Ich finde, es sind sehr gute Tipps dabei, die ich gerne mit allen teilen möchte. So schrieb Annette A., sie erhitze ihren Rotwein während der Fastenzeit eine halbe Stunde lang mit offenem Deckel auf kleiner Flamme. „So geht der Alkohol raus, zurückbleibt eine wohlschmeckende Variante vom eigenen Lieblingswein, ohne Alkohol, d. h. auch ohne Zucker und mit ganz wenig Kalorien.“

Martin S. schreibt: „Wenn mich während der Trockenzeit die Gier nach Alkohol packt, stelle ich mir die Fettleber vor, die ich mal in der anatomischen Sammlung der Charité gesehen habe. Das funktioniert wirklich, ich habe dann keine Lust auf Alkohol mehr.“

Den mit Abstand längsten Brief schrieb mir Georg P., der wirklich tolle Ratschläge für die Zeit nach der Entwöhnung hatte. Es sei wichtig, so Georg P., „vor der Einnahme alkoholischer Getränke etwa einen Liter Wasser zu trinken, man hat dann einfach weniger Durst.“ Außerdem benutzt er kleine Gläser, die er auch nur halb füllt. Weißwein verdünnt er zudem mit Wasser. Während des Trinkens stellt Georg P. das Glas auf dem Tisch ab, statt es die ganze Zeit in der Hand zu behalten. „So vergesse ich manchmal, dass ich trinke.“

Im Gegensatz zu Ihnen, liebe Leser, erwies sich mein Kollege Jochen Gutsch bisher als keine große Hilfe. Bei unserer letzten Lesung nötigte er mich auf offener Bühne, einen Eierlikör im Schokobecher auf ex zu trinken. Meine Vermutung ist, dass er damit sein eigenes Alkoholproblem kaschieren will. Säufer wollen ja immer, dass andere mitsaufen.

Viele Leser fragten mich, wie es mir geht. Tja, wie geht es mir? Eigentlich super. Nur abends werde ich ein bisschen nervös, fühle mich unruhig, leicht reizbar. Meine Frau Catherine behauptet, ich sei aggressiv. Oder depressiv. Oder beides. Indirekt gab sie mir zu verstehen, dass sie es bevorzugen würde, wenn ich abends wieder mein Beruhigungs-Weinchen trinke. Wobei sie später betonte, das habe sie so nie gesagt.

Ich glaube, letztlich ist es vor allem eine Kopfsache, der Körper gewöhnt sich schnell an die neue Lage. Obwohl ich jetzt manchmal gegen 18 Uhr so ein Ziehen im Unterleib spüre, als zerrten kleine Teufelshände an meinen Gedärmen. Außerdem schwitze ich stark und mein linkes Auge zuckt. Wobei ich da keine vorschnellen Schlüsse ziehen möchte, solche kleinen Unpässlichkeiten können auch mit der trockenen Luft, der Erderwärmung oder den zwei Kilo Schokolade zu tun haben, die ich jetzt jeden Abend esse.

Ich erinnere mich übrigens an ähnliche Körperreaktionen, als ich vor zehn Jahren mit dem Rauchen aufgehört habe. Damals trank ich die ersten Monate abends zur Entspannung ein paar doppelte Whiskeys, was mir sehr geholfen hat. Wenn ich die Sache von heute aus betrachte, dann könnte es natürlich durchaus einen Zusammenhang zwischen dem Ende meiner Zigaretten-Phase und dem Beginn meiner Alkohol-Phase geben.

Deshalb wäre es vermutlich keine gute Idee, auf den Leser Gert K. zu hören, der mir in seinem Brief riet, etwaigen Entzugserscheinungen mit Hasch-Keksen zu begegnen. Denn wie schon Isaac Newton so recht bemerkte: Die Summe der Süchte ist immer gleich.