Es ist das meistgespielte Lied auf Beerdigungen“, ruft Campino zur zweiten Zugabe der Toten Hosen ins Volk. „Und das meistgespielte Lied auf Hochzeiten. Und wenn Fußballer mal so richtig feiern wollen, dann singen sie es auch. Keine Ahnung wieso, das haben wir ja nicht geplant.“ Mit schwerem Rhythmus schwellen die Gitarren an, die Drums wuchten sich hoch zu „Tage wie diese“ und der sehr wohlbehalten in den 50ern angekommene Sänger im luftigen Tanktop röhrt emotional in die Halle hinein.

Vielleicht wünscht sich der eine oder andere ja, dies sei seine Hochzeit, oder gar Beerdigung, oder dass die Hertha gewonnen hätte; jedenfalls schmachten alle acht-, neuntausend Leute mit, die am Freitag zum ersten von zwei ausverkauften Konzerten in die Schmeling-Halle gekommen sind.

Von „Wir sind bereit“ bis zum „Urknall“

Der Titel gehört dabei zu den jüngeren im Programm der Band, ein Nachzügler in der Reihe von rund 35 Hits aus 35 Jahren, die man in den guten zweieinhalb Stunden um die Ohren gehauen bekommt. Er geht auch mit seiner hallbelegten, federenden U2-Gitarre und dem dicken Refrain ein etwas gesetzteres Tempo als die meisten Songs. Im Stehplatzbereich hat man die vordere Hälfte abgeteilt, damit die Fans pogen können, und sie machen ebenso ausgiebig Gebrauch davon, wie sie sich selbst und verschiedene Bandmitglieder auf Händen herumreichen.

Es sind die rasanten Nummern wie „Auswärtsspiel“ am Anfang, „Bonnie und Clyde“ zur Mitte hin oder der „Opel Gang“-Oldie  am Schluss, die mit ihren Dreschflegelgitarren besonders dazu einladen – wobei die Band und insbesondere ihr Frontmann schon sehr souverän und sportlich Druck und Dynamik auf dem hohen Level halten, das sie anfangs versprechen.

Die Band beginnt mit dem krachigen „Urknall“, vom aktuellen, 16. Album „Laune der Natur“, das auch der Tour den Namen gibt; und sie lässt sofort das brachiale „Wir sind bereit“ folgen, ihre erste Single von 1982, die sie, so Campino, selten spielen – das Repertoire der Tour steht logischerweise wesentlich fest, aber sie schütteln die Titel ein bisschen durch und tauschen offenbar auch mal aus. 

Um Punk in irgendeiner dussligen Reinform handelt es sich darum kaum. Warum auch? Die Hosen spielen einen punkinspirierten Rock, der unabhängig vom Tempo auf Schwere und insgesamt hellere Harmonien setzt. Sie haben für manche Stellen sogar ein Streichquartett und die Pianistin Esther Kim dabei.

Hymnen für alle

Der starke Zug ins Hymnische kommt aber aus den späten Siebzigern ebenso wie aus dem Stadion, und ihr Appeal verdankt sich einem oft vagen Pathos, das alles mögliche einschließen kann – Tod, Liebe, Klassensolidarität: „Steh auf, wenn du am Boden liegst“ kann man – wie „You’ll Never Walk Alone“, das sie in einer der drei Zugaben bringen – dem strauchelnden Freund, dem strauchelnden Fußballclub oder der Sozialdemokratie zurufen. Wobei es manchmal auch konkreter geht: In den Ansprachen des am Ende weit über zweieinhalbstündigen Konzerts setzen sie eine solide linke Moral selbstverständlich voraus.

In der Halle gibt es neben Mechandise und Imbissständen auch Informationen zu Oxfam, Pro Asyl und Kein Bock auf Nazis. Und sie spielen Nummern, die – wie „Willkommen in Deutschland“ von 1993 – Fremdenfeindlichkeit geißeln und haben auch einen lauten Antinazi-Song dabei. Allerdings spielen sie statt ihres eigenen „Sascha“ den Ärzte-Klassiker „Schrei nach Liebe“ – mit dem Original-Arzt Rodrigo Gonzalez an der Gitarre. Immer wieder fein, wenn so um die zehntausend Leute dem Nazi ein kerniges „Arschloch“ zurufen. 

Cleverer Lokalpatriotismus

Die Geste ans eingeborene Publikum gehört aber auch ins Feld eines cleveren Lokalpatriotismus. Mit routinierten, oft fußballerischen Sticheleien binden die Düsseldorfer die Fans noch enger an sich. Dem Berliner (und wohl auch dem Stuttgarter, Hannoveraner oder Leipziger) ist Düsseldorf ja eigentlich egal; und dass die von den Hosen geförderte Fortuna derzeit die 2. Bundesliga rockt, ist auch nicht weiter aufregend. Aber alle machen die herzlichen Provokationen halt mal gutmütig mit.

Denn das gefühlige Mitmachen scheint das wichtigste dramaturgische Motiv – nicht umsonst singt die Kurve beim Bommerlunder-Sauflied besonderns leidenschaftlich mit. Das Miteinander bietet auch der Band ständigen Anlass zur Freude – weil wir alle hier sind – und zur Rührung – weil so viele mitsingen. Campino ist ein sympathischer Charismatiker, und man versteht, warum die hochkonzentrierte, supereffektive Band die Massen mobilisiert. Diese Chemie zu erleben war aber schon spannender als die Musik.