Siegen und Gründen – die Parole aus Hector Berlioz’ Oper „Die Trojaner“ gehört zum Kern des klanggewordenen Mythos der französischen Nation, die sich seit der Revolution als das wiedergeborene Rom verstanden hat. Eine Oper mit hochenergetischen Turbulenzen aus Hass und Liebe, Vorsicht und Opfermut. Überformt vom Sog schicksalhafter Erfüllung einer großen Idee: „Roma, Roma!“, singt die verlassene und sterbende Dido, und das weiterziehende Häuflein der Trojaner wird ein mächtiges Volk werden. Gegenüber dem Furor und Pathos dieser 1858 vollendeten Oper nimmt sich Richard Wagners deutscher Nachzügler der „Meistersinger von Nürnberg“ fast wie ein Schäferidyll aus.

In Darmstadt zeigt sich Trojas Untergang als wüstes Land einer dampfenden Opferstätte. Heinz Balthes’ Können im Schaffen von rauchenden Topografien, von Räumen und Skulpturen aus Rauch wirkt hier weit über eine Stunde lang als riesige, expressive Fumagerie, die in Verbindung mit fahlem Weiß- und Graulicht zwischen und über den an Stonehenge-Stelen und Grabsteine erinnernden Trümmern fesselt.

In den sich herauf- und herabwälzenden Schwaden findet die Auseinandersetzung zwischen der weiteres Unheil sehenden Kassandra und ihres liebes-blinden Verlobten Choroebus statt. Regisseur John Dew setzt hier alles auf die eine Karte physischer und gestischer Präsenz von Oleksandr Prytolyuk und Katrin Gerstenberger: ein gelungener Zug, dem beide Sänger auch stimmlich ideal entsprechen.

Ist in den Troja-Akten alles in unaufhebbare Verblendung gebannt, herrscht in den folgenden Akten, die am Hof Karthagos spielen, Klarheit und Heiterkeit. Eine prosperierende Gesellschaft in schönster Harmonie, Zivilität in Marmor und feiner Säulenstellung, keine Spur von Beschädigung. Die Kostüme (José-Mauel Vázquez) sind von größter Farbigkeit, Ornamentik und Eleganz, wunderbare Ballette, keck und raffiniert choreografiert von der Darmstädter Ballettchefin Mei Hong Lin als höfisches Divertissement und Kontrastfolie für die finalen Auseinandersetzungen zwischen Aeneas, dem Troja-Flüchtling, und seiner Geliebten Dido, der Herrscherin von Karthago. Man hat es sich auf den seidenen Bodenkissen der phönizischen Luxuswelt bequem gemacht, mit ihren schönen Menschen und ihren schönen Stimmen.

Wunderbar singen Erica Brookhyser als Dido und Ninon Dann als ihre Schwester Anna. Lyrisch exquisit ist der Tenor des Hofdichters (Lasse Penttinen). Ein Idyll das Duett zwischen dem ganz gefangenen Aeneas und Dido in herrlichem Wechselgesang. Faszinierend ist der Tenor Hugh Kash Smiths als Aeneas, der eine seltene Mischung aus härtester viriler Strahlkraft und zahlreichen Zwischentönen bis hin zu zartesten Intonationen einer fast knabenhaften Sopranität ist. Nicht immer ungefährdet in den waghalsigen Timbre-Schwenks. Zuletzt, wo Penttinen noch einen sphärisch zu nennenden Auftritt als Matrose Hylas hat, entfachen Smith und Brookhyser ein loderndes Feuer konfliktuöser Intonation.

Die gute Tradition Darmstadts, singende Menschen nicht als Zeigestöcke und Symbolmasse für Volks-Pädagogik zu verbrauchen, kommt auch dem grandiosen Chor als einem Vielfachen von Individualitäten zu Gute: größte Differenzierung und Schlagkraft in einem. Das Staatsorchester Darmstadt unter Martin Lukas Meister exponierte das hell timbrierte Martialische und die vorwärts stürmende Wucht Berlioz’, aber auch die expressiv zerrenden und quälenden Intonationen, die im Preis jener Dialektik vorwärtsschreitender Zivilität inbegriffen sind. Man muss das gesehen und gehört haben.

Staatstheater Darmstadt: 23., 31. März, 13., 21. April. www.staatstheater-darmstadt.de