Die Hagia Sophia in Istanbul
Foto: Imago

BerlinDie Geschichte der Weltkulturerbestätte Hagia Sophia ist eine der baulichen Veränderungen und Übermalungen. Als die Osmanen das byzantinische Reich eroberten, bemächtigten sie sich vor allem auch der Kirchen. Die Wiederherstellung der christlichen Wandbemalung ist bis heute nicht abgeschlossen. Immer wieder tauchten in der jüngeren Vergangenheit Mosaike auf, die in mühevoller Restaurierungsarbeit freigelegt wurden.

Die Istanbuler Bevölkerung ist stolz auf ihr wuchtiges Monument, das als lebendiges Zeugnis vom Zusammenspiel, aber auch von der Kontroverse verschiedener Religionen in der Geschichte erzählt.

Nun also Kommando zurück? Bereits Ende Juli soll die Hagia Sophia wieder für das muslimische Gebet geöffnet werden. Ein türkisches Gericht hat am Freitagabend entschieden, dass die von der Unesco in den Status einer Welterbestätte erhobene Hagia Sophia in eine Moschee umzuwandeln ist. Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hatte diesen Plan forciert, der Richterspruch ist lediglich der Versuch, den Präsidentenwillen zu legitimieren. Scharfe Kritik an dem Vollzug des lange vorbereiteten Vorhabens kommt aus Griechenland. Kulturministerin Lina Mendoni sagte, es sei eine Provokation für die zivilisierte Welt. Auch die russisch-orthodoxe Kirche verurteilt die Entscheidung.

Als historisches Gebäude, das die unterschiedlichen religiösen Einflussnahmen auch architektursprachlich spiegelt, ist die Hagia Sophia ein Symbol für das Nebeneinander verschiedener Religionen in einer Gesellschaft. In Istanbul korrespondiert sie in architektonischer Hinsicht mit der nahe gelegenen filigranen Blauen Moschee, die als Antwort auf die mehrfach veränderte Hagia Sophia, die im Jahre 537 nach Christus eingeweiht wurde und als wichtigste Kirche des oströmischen Christentums gilt, entstanden ist. Der türkische Staatsgründer Kemal Atatürk hatte die als Moschee genutzte Hagia Sophia 1934 zu einem Museum umbauen lassen.

Für Recep Tayyip Erdogan ist die nun beschlossene abermalige Umwandlung in eine Moschee Ausdruck eines rücksichtslosen symbolischen Machtanspruches, der nicht zuletzt ein Signal seiner Stärke an die eigene Klientel ist. Seinen Kritikern hat Erdogan versprochen, die Hagia Sophia werde auch nicht muslimischen Besuchern offenstehen. Welches bauliche Ausmaß die Veränderungen annehmen werden, ist völlig offen. Tatsächlich ist die Entscheidung vom Freitag eine kulturelle Kampfansage gegen die multiethnische Gesellschaft, die gerade das Leben in der Metropole Istanbul seit Jahrhunderten prägt.