Aisling Fanciosi als irische Arbeitssklavin Clare auf Rachezug.
Foto: Koch Films

BerlinEine Frau wird vergewaltigt. Sie schwört Rache und setzt diese erbarmungslos in blutige Tat um. Grausamkeit wird mit Grausamkeit vergolten. Auge um Auge. Rape – Revenge. Es gibt ein ganzes Sub-Genre, das sich diesem archaischen Erzählmotiv widmet; im Allgemeinen wird es mit dem Horror assoziiert. Meist bleibt es jedoch in Effekthascherei stecken und beutet das weibliche Opfer unter dem Deckmäntelchen vermeintlicher Selbstermächtigung lediglich ein weiteres Mal aus. 

Nicht so „The Nightingale - Schrei nach Rache“ von Jennifer Kent, ein im kolonialen Tasmanien des Jahres 1825 angesiedeltes Rachedrama, in dem die irische Arbeitssklavin Clare, begleitet von dem Aborigene-Spurenleser Billy, einen Trupp englischer Soldaten, der ihr in mehrfacher Hinsicht Gewalt angetan hat, durch den Urwald verfolgt.

Kent, 1969 im australischen Brisbane geboren, reüssierte als Schauspielerin, bevor sie ins Regiefach wechselte und 2014 mit dem Psychohorrorthriller „The Babadook“ ihr nach eigenem Drehbuch inszeniertes Langfilmdebüt vorlegte. Darin wird die Geschichte einer verwitweten Mutter und ihres kleinen Sohnes erzählt, die mit dem Trauma des tödlich verunglückten Ehemannes respektive abwesenden Vaters ringen – mit einer Leerstelle also, die möglicherweise die Gestalt eines monströsen schwarzen Mannes angenommen hat. Indem Kent Formeln des Horror-Narrativs und psychosoziale Motive ineinander spiegelte, schuf sie mit „The Babadook“ einen herausragenden Genrebeitrag.

Nun legt sie mit dem neuerlich auf einem Original-Drehbuch beruhenden „The Nightingale“ nach und stellt ein weiteres Genre vom Kopf auf die Füße. Diesmal bilden die im 19. Jahrhundert herrschenden Gewaltverhältnisse das Spannungsfeld, in dem die Protagonistinnen und Protagonisten gemäß ihrer Klasse, ihrer Rasse und ihrem Geschlecht agieren. Im kolonial-patriarchalen Kontext steht die weiße Arbeitssklavin Clare zwar noch knapp über dem „Blackfella“ Billy, beide aber eindeutig unter den (weißen, männlichen) Vertretern der englischen Kolonialmacht. Woraus sich aber nicht automatisch ein Zusammenschluss der Schwachen ergibt.

Denn Kent fabuliert kein romantisches Märchen vom revolutionären Potenzial der Solidarität; sie entwirft vielmehr eine ethnologisch-historiografische Studie der unendlichen Facetten von (Ohn)Macht. An deren Ende steht aber nicht nur die ebenso banale wie bittere Erkenntnis, dass Rache der bösen Tat in nichts nachsteht, sondern die Überraschung über die Form der Vergeltung, die hier so schmerzlich schön und genugtuend ist wie jener letzte Sonnenaufgang, der vom Neubeginn kündet.

The Nightingale - Schrei nach Rache (Australien, 2018) Regie: Jennifer Kent, Koch Films, ca. 14 Euro, FSK ab 18