Die Innenaufnahmen von „Nosferatu “wurden in Johannisthal realisiert.
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BerlinFilm ist ein flüchtiges Medium. Die Kraft der Bilder wirkt meist nur für einen kurzen Moment. Überlagert von neuen Eindrücken, verschwinden Erinnerungen bald im Ungefähren. Nur was regelmäßig reproduziert wird, hat eine Chance, im Gespräch zu bleiben, sich im Gedächtnis festzusetzen. Das gilt für Filme ebenso wie für Menschen, die an ihnen beteiligt waren – und für Orte, an denen diese Filme entstanden.

Berlin-Johannisthal ist so ein Ort. Wer weiß denn noch, dass Film- und Fernsehbetriebe dort einst der zweitgrößte Arbeitgeber waren? Wer weiß noch von Firmen wie Jofa, Tobis, Linsa, Defa? Von Synchronstudios, in denen allein zu DDR-Zeiten rund siebentausend deutsche Sprachfassungen ausländischer Filme hergestellt wurden? Vom großen Kopierwerk oder den Fernsehateliers? Und wer hat daran gedacht, dass in Johannisthal vor genau hundert Jahren, im Frühling 1920, die ersten Schritte für eine prosperierende Filmstadt gegangen wurden?

Zumindest einer hat sich dem Johannisthaler Filmerbe mit Leib und Seele verschrieben: Wolfgang May, der 1940 geborene langjährige Leiter des Bereichs Filmproduktion der Studiotechnik beim Fernsehen der DDR, beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten mit dieser Historie. Jetzt, zum Jubiläum, formte er daraus ein ebenso opulentes wie akribisches Buch: „Berlins vergessene Traumfabrik“, rund 260 Seiten voller Daten, Fakten, Anekdoten.

„Im Heimatmuseum“, so schreibt May im Geleitwort, „erfahren Sie zwar viel von den Anfängen Johannisthals als Kolonistendorf, der Seidenraupenzucht, dem Versuch, sich als Luftkurort zu etablieren und natürlich vom ersten Motorflugplatz im Deutschland des Jahres 1909, allerdings nichts vom Medienstandort.“ Auch wer im Ortsteil spazieren gehe, fände keine Hinweise zu den Schauplätzen der Johannisthaler Filmgeschichte. „Keine Straße trägt den Namen von einem der vielen vertriebenen, ermordeten oder herausragenden Filmkünstler, die in den Johannisthaler Ateliers produziert bzw. gespielt haben.“ Das Buch vermittelt genügend Anregungen, das zu ändern.

Das größte Filmatelier der Welt

Wie war es denn nun 1920? Weil Deutschland nach dem Ende des Ersten Weltkriegs, im Versailler Vertrag, zur massiven Abrüstung verpflichtet wurde, hatten die Johannisthaler Albatros-Flugzeugwerke kaum noch etwas zu tun. Deren Besitzer Dr. Walther Huth musste sich nach neuen Geschäftsfeldern umsehen und baute eine bisher für den Flugzeugbau genutzte Doppelhalle zur Produktionsstätte von Filmen um: die Johannisthaler Filmstadt GmbH (Jofa). Bereits im Mai 1920 vermeldete die Zeitschrift „Filmkurier“ einen Rekord: Mit rund 21 mal 137 Meter Fläche und bis zu elf Meter Höhe sei hier das größte Filmatelier der Welt im Entstehen. Durch die Halle führten Gleise mit Eisenbahnwaggons und Filmtechnik tragende Plattenwagen. Dank der Schiebetüren des Hangars konnte das Außengelände einbezogen werden. In Deutschland gab es kaum bessere Bedingungen für Großproduktionen.

Anders als Babelsberg verstand sich die Jofa als Ateliergesellschaft, die keine eigenen Filme produzierte, sondern ihre Hallen und das Gelände für Fremdfirmen zur Verfügung stellte. Die machten von den modernen technischen Möglichkeiten reichlich Gebrauch. So gehörte die dänische Schauspielerin und Produzentin Asta Nielsen mit ihrer Shakespeare-Adaption „Hamlet“ (1921) zu den ersten, die sich in Johannisthal einmieteten. Friedrich Wilhelm Murnau realisierte hier die Innenaufnahmen seines Gruselfilms „Nosferatu“ (1922).

Ebenso wie der berühmte Vampir feierte Friedrich II. in Johannisthal seine fröhliche Auferstehung: Das vierteilige Kostümepos „Fridericus Rex“ mit Otto Gebühr beglückte die von der Kriegsniederlage schwer angeschlagene preußisch-deutsche Seele. Auch das proletarische deutsche Kino, die filmischen Versuche des legendären kommunistischen Medienmoguls Willi Münzenberg, sind mit Johannisthal verbunden: In den Hallen entstanden Teile von „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ (1929) und „Kuhle Wampe“ (1932).

Ab 1929 wurden in Johannisthal Tonfilme gedreht, „Der Hauptmann von Köpenick“ mit Max Adalbert oder „Der Draufgänger“ mit Hans Albers. Max Ophüls inszenierte „Liebelei“ (1933) in einer deutschen und einer französischen Version – kurz danach musste der jüdische Regisseur, wie viele seiner Kollegen, das Land verlassen. Alle wichtigen Produktionen erhalten in Mays Buch eigene Kapitel, die mit Ausschnitten aus Kritiken, Plakaten und Fotos angereichert sind. Der Sensationsdarsteller Harry Piel, der Bergfilmspezialist Luis Trenker und zahlreiche weitere Stars des NS-Kinos gaben sich die Klinke in die Hand: Gustaf Gründgens, Heinz Rühmann, Johannes Heesters. Sogar Leni Riefenstahl ließ sich für ihren Propagandafilm „Tag der Freiheit! – Unsere Wehrmacht“ (1935) hier Kulissen bauen.

Weil einige Originalaufnahmen des NSDAP-Parteitags misslungen waren, bat sie diverse NS-Funktionäre noch einmal ans nachgebaute Pult. Sie wiederholten ihre Reden vor nicht vorhandenen Zuschauern, hoben ihren Blick und ihre Hand zu dem ebenfalls nicht vorhandenen Hitler. „Ob die Johannisthaler“, so fragt Wolfgang May, „von der An- und Abfahrt der Parteibonzen etwas mitbekommen haben? Gab es Spalierbildung und Jubelszenen vor dem Tor zum Tobis-Atelier? Ich glaube, vom Anlass her war es eine eher unauffällige Veranstaltung.“

Im Zweiten Weltkrieg wurde die große Halle A durch Bomben vollständig zerstört, so ließ sich 1945 nur Halle B mit vier kleineren Ateliers nutzen. Doch schon im Mai 1945 verfügten Kulturoffiziere der sowjetischen Besatzungsmacht, dass wieder Synchronarbeiten aufgenommen werden sollten. Regisseur Wolfgang Staudte wurde mit der Teilsynchronisation von Sergej Eisensteins „Iwan der Schreckliche“ beauftragt. Mit Gerhard Lamprechts „Irgendwo in Berlin“ (1946) begann dann das Johannisthaler Defa-Kapitel, mit rund fünfzig weiteren Kinofilmen, bis 1962. Schließlich übernahm der Deutsche Fernsehfunk das Gelände.

Die Schlusskapitel des Buches beschreiben Privatisierung und Abwicklung nach 1990. Die Halle mit den vier kleinen Ateliers wurde 1995 vom Neubesitzer Leo Kirch abgerissen – in einer „Nacht- und Nebelaktion“, wie May befindet. Stehen blieb das Verwaltungsgebäude des Kopierwerkes, das heute ein Hotel ist. Einer der letzten „Kunden“ des Johannisthaler Filmbetriebs war übrigens Winfried Junge, dem hier gemeinsam mit seiner Frau Barbara ein Büro mit Schneidetischen zur Verfügung gestellt wurde, um die umfangreichen Überlieferungen seiner Langzeitdokumentation „Die Kinder von Golzow“ zu sichten und für die Übergabe ans Bundesarchiv vorzubereiten.

Mit dem Band „Berlins vergessene Traumfabrik“ hat Wolfgang May Pionierarbeit geleistet: Mehr als siebzig Jahre deutscher Ateliergeschichte – von 1920 bis 1991 –, die in den vergangenen dreißig Jahren kaum Beachtung fanden, kehren wie ein Phönix aus der Asche in einem reich bebilderten, farbigen Buch zurück. Nur die Klebebindung funktioniert nicht, schon nach kurzem Blättern löst sich der Band in einzelne Seiten auf.

Wolfgang May: Berlins vergessene Traumfabrik  – Johannisthaler Filmgeschichte(n). Berlin 2020, 260 S., zahlreiche Abb., 20 Euro. Zu beziehen über: Kulturring in Berlin e.V., Tel.: 53 69 65 34