Berlin - Über den heutigen Bild-Kolumnisten Franz Josef Wagner wird erzählt, dass er als Chefredakteur der Berliner Boulevardzeitung B.Z. in den 1990er-Jahren einst einen Fotografen auf das Dach eines Hochhauses schickte. Am Abend zuvor hatten sich zwei Jugendliche das Leben genommen. Sie sprangen Hand in Hand in die Tiefe. Am kommenden Tag zeigte die Titelseite einen Blick über das abendliche Berlin mit der Überschrift: „Das war der letzte Blick, bevor sie sprangen.“

Damals machten sich Boulevard-Zeitungen noch keine Sorgen, ob solch eine Berichterstattung auch Nachahmer verursacht. Konkret: Nach der Selbsttötung des Fußballers Robert Enke 2009 stieg die Suizidrate in Deutschland um 15 Prozent an. Dabei gab es damals schon seit zwölf Jahren den Pressekodex, in dem auch aufgefordert wird, besonders bei Suiziden zurückhaltend zu informieren. Im Fall von Kasia Lenhardt, deren Tod am Mittwoch bekannt wurde, berichteten alle Medien bemerkenswert zurückhaltend. In manchen Fällen wurde der vermutete Suizid der Ex-Freundin des Bayern-Spielers Jérôme Boateng nur angedeutet: „Ein Fremdverschulden ist ausgeschlossen.“ Als ob es auch ein Unfall gewesen sein könnte.

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