Der Wappensaal des Schlosses in Köpenick
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BerlinFriedrich gehört zu den Lieblingsfiguren in Fontanes „Wanderungen“. Kein Band ohne den großen König. Gab es keine Schlacht zu beschreiben, kam eine Anekdote zum Zuge. Die friderizianische Welt diente als Kontrast zur Gegenwart, in der es offenbar an Helden mangelte. Friedrich war aber auch ein dankbarer Stoff. Kaum ein preußischer Herrscher bot mehr Geschichten.

Auch in Köpenick war Fontane auf Friedrichs Spuren. Den Berliner Vorort kannte der Wanderer von früheren Besuchen bei seinem Freund, dem Offizier und Schriftsteller Bernhard von Lepel, der hier das Schloss Bellevue besaß und Fontane 1849 beim Kauf einer Apotheke in Köpenick finanzielle Unterstützung angeboten hatte.

"Über die hübsche Schloßstraße" 

Fontane wurde jedoch Journalist und begann Ende der 1850er-Jahre mit den Recherchen zu seinen „Wanderungen“. Am 21. September 1860 besuchte er Schloss Köpenick. Seine Beobachtungen hielt er in Wort und Bild auf 23 Notizbuchseiten fest. Für die Beschreibung der Anreise vermerkte er zwei Alternativen: Entweder auf der „hübsche[n] Schloßstraße“ [heute: Alt-Köpenick] geradezu auf das Schlossportal. „Oder wir kommen mit dem Omnibus über die Dahme-Brücke [heute: Lange Brücke] und haben dann die Wasserfront des Schlosses grade vor uns.“

Als das Kapitel 1862 im ersten „Wanderungen“-Band erschienen war, hatte sich Fontane für den Omnibus entschieden. Zwei Jahrzehnte später wanderte das Kapitel – geografisch nun korrekt – in den vierten Band („Spreeland“). Die Anfahrt blieb dieselbe.  

Heraldischer Galeriegang

Im Schloss Köpenick interessierten Fontane vor allem die zwei Räume, in denen Friedrichs Geschichte zu spüren ist. Zunächst besichtigte er den Wappensaal. Er ist ein Schmuckstück. Damals wie heute punktet er mit einer Inszenierung kunstvoll gestalteter Embleme, die dem Besucher einen heraldischen Galeriegang durch alle ehemaligen brandenburgischen Provinzen ermöglichen.

Im Notizbuch findet sich eine Skizze der „Fensterseite“ und darunter werden die Namen aller dargestellten Wappen aufgelistet: von Cassuben bis Cleve. Unter den vielen Sälen des Schlosses sei dieser Raum der „historisch interessanteste“, schreibt Fontane in den „Wanderungen“.

An „langer Tafel“ saß hier 1730 das Kriegsgericht, „das über Tod und Leben eines Prinzen und seiner Mitschuldigen urteilen sollte“. Fontane spielt auf den spektakulärsten Prozess der preußischen Geschichte an, der im Köpenicker Schloss über die barocke Bühne ging und alle Zutaten eines Historiendramas aufwies. Was war geschehen?

Den Sohn bewahrt, den Freund enthauptet

Am frühen Morgen des 5. August 1730 versuchte Kronprinz Friedrich, der spätere Friedrich der Große, dem Konflikt mit seinem tyrannischen Vater, Friedrich Wilhelm I., durch eine dilettantisch vorbereitete Flucht ins Ausland zu entkommen. Der Plan misslang. Friedrich wurde verhaftet und auf die Festung Küstrin gebracht. Sein Freund Hans Hermann von Katte, der in Berlin geblieben war, wurde am 16. August aufgrund eines kompromittierendes Briefes als Mitwisser entlarvt und auf der Wache seines Regiments am Gendarmenmarkt arretiert.

Die Jugendfreunde warteten nun auf ihren Prozess. Am 25. Oktober 1730 trat in Köpenick das Kriegsgericht zusammen, das nun über Kopf und Krone entscheiden sollte. Majestätsbeleidigung und „Fahnenflucht-Verabredung“ – so der Vorwurf. Auf beide Verbrechen stand nach Reichs- und preußischem Gesetz die Todesstrafe. Eine Woche rangen 16 Offiziere im Wappensaal um ein juristisch korrektes und politisch vernünftiges Urteil. Zunächst erklärten sie, dass ihnen über die „Persona sacra“ Friedrich keine Entscheidung zustände.

Und für Katte verhängten sie eine lebenslange Haft. Während der König die Erklärung bezüglich Friedrich stillschweigend akzeptierte, ordnete er in der Causa Katte ein schärferes Urteil an. Die Köpenicker Richter hielten jedoch stand. So griff Friedrich Wilhelm I. qua Amt ein und ließ Katte am 6. November 1730 in Küstrin enthaupten.

Geschirr statt Gerichtsakten

Weil Fontane – gemäß seinem topografischen „Wanderungen“-Ansatz – die ausführliche „Katte-Tragödie“ im „Oderland“-Band erzählt, beschränkt er sich im Köpenick-Kapitel („Spreeland“) auf die „denkwürdige Kriegsgerichtssitzung im großen Wappensaale zu Köpenick“. Und empfiehlt, es wäre angebracht, „wenn nicht ein historisches Bild, so doch wenigstens eine Gedächtnistafel aufzurichten, die die Erinnerung [...] lebendig hält“.

Die Museumsmacher haben ihn bis heute nicht erhört. Weder Gemälde noch Gedächtnistafel. Im Raum steht zwar eine lange Tafel, aber auf ihr stapeln sich keine Gerichtsakten, sondern Geschirr. Schloss Köpenick ist seit 1963 ein Kunstgewerbemuseum. Kunstgegenstände beherbergt heute auch das „Curiositätenkabinett“, in dem 1804/06 der Schlossbesitzer Graf von Schmettau einen Erinnerungsraum für Friedrich eingerichtet hatte.

Zu sehen ist aus dieser Zeit lediglich noch ein Deckengemälde, auf dem Götterbote Merkur der Göttin des Krieges einen Plan mit der Aufschrift „Slacht bei Rosbach“ [Schlacht bei Roßbach, 1757] überreicht. Das benachbarte Gemälde, eine Apotheose Friedrichs, fehlt. Es ist verschollen. Nicht bei Fontane. In seinem Notizbuch hielt er das Interieur des „alte[n] Fritz Zimmer[s]“ fest. Darunter befindet sich nur eine beschriftete Skizze: „Genien, Amoretten etc. tragen das Bild des Königs nach dem Tempel des Ruhmes“, wo die „Göttin mit dem Sternendiadem“ den Herrscher erwartet. Es ist das verschollene Gemälde.