Auch im angesagten Pariser Stadtteil Pigalle ist das öffentliche Leben coronabedingt sehr eingeschränkt.
Foto AFP/Joel Saget

Paris„Mais si, tu es belle“, „Aber doch, du bist schön“, steht auf dem Spiegel, der an einer Straßenmauer hängt, als sei sie eine Badezimmerwand. Wer vorbeigeht, blickt ins eigene Gesicht unter dieser wohltuenden Überschrift. An Frauen wendet sie sich, denn „belle“ ist im Französischen eine weibliche Form. In Paris gibt es einige dieser Spiegel, unter manche hat jemand „Aber doch, du bist intelligent“ gekritzelt, um zu sagen, dass das ein ebenso schönes Kompliment ist.

Die meisten Passanten laufen achtlos an diesen Objekten eines namentlich unbekannten Künstlers vorbei. Eingeweihte aber entdecken sie ebenso wie viele andere Anspielungen auf die Darstellung von Frauen in öffentlichen Räumen. In letzter Zeit gibt es immer mehr von ihnen. Da sind die Schablonen-Abbildungen der Streetart-Künstlerin Miss.Tic, die sie als Sex-Objekte mit großen Brüsten und in aufreizenden Posen zeigen. Wie als Antwort darauf bringt der Künstler Mass Toc Bilder von üppigen Frauen, die nicht den gängigen Schönheitsidealen entsprechen, an Mauern an.

Feminists of Paris

Mit ihren Stadtführungen laden die „Feminists of Paris“ zu Entdeckungstouren mit feministischem Blickwinkel an. Sie wollen die Aufmerksamkeit auch auf Nebensächliches lenken.

Die Corona-Pandemie lässt das ambitionierte Unternehmen zur Zeit ruhen; sollte es die Lage zulassen, soll es bis Sommer wieder starten. Weitere Informationen: www.feministsinthecity.com

Die Website bietet als Alternative eine Reihe kostenpflichtiger Webinare in französischer Sprache an. Dort geht es um die Geschichte und Gegenwart der Frauenbewegung.

Im Montmartre-Viertel, wo die rote Mühle des Kabaretts „Moulin Rouge“ steht, befinden sich besonders viele dieser für Feministinnen interessanten Spuren und deshalb hat Julie Marangé den Treffpunkt hier am „Theater der Neuen Eva“ vorgeschlagen. Gemeinsam mit einer Studienfreundin gründete die 24-Jährige vor zwei Jahren ihr Unternehmen „Feminists of Paris“, das Stadtrundgänge mit feministischem Blickwinkel anbietet. „Uns interessieren die Themen Gleichberechtigung und Gleichstellung. Wir arbeiten die Touren selbst aus, lesen uns alles an“, erklärt die zierliche junge Frau. Die Geschäftsidee zündete. Inzwischen gibt es sieben Führerinnen, die über verschiedene Themen sprechen – von der Hexenjagd bis zur sexuellen Befreiung.

Im Sommer will Julie Marangé wieder ihre besonderen Führungen anbieten.
Foto: BLZ/Birgit Holzer

Es ist ein Sonnabend im Januar in Paris und zu diesem Zeitpunkt erscheinen die massiven Auswirkungen, zu denen das Coronavirus Wochen später führen sollte, noch unvorstellbar. Seit Beginn der Ausgangssperre in Frankreich Mitte März wurden auch die feministischen Stadtführungen ausgesetzt. So wie alle anderen touristischen Angebote in Frankreich hoffen sie auf eine Wiederaufnahme bis zum Sommer – falls es die Situation dann erlaubt.

An diesem winterlichen Nachmittag aber spricht Julie Marangé über das Vergnügungsviertel um Pigalle, das als historische Gegend der Sex-Industrie gilt. „Vor 1848 gehörte dieser Teil nicht zu Paris. Die Kontrollen waren weniger streng, der Alkoholausschank billiger und so entstanden die Kabaretts“, erzählt Marangé. Das Montmartre-Viertel, das nie schlief, inspirierte auch Künstler von Auguste Renoir bis Henri de Toulouse-Lautrec. Weil Bordelle seit Napoleon, der seine Soldaten vor sexuell übertragbaren Krankheiten wie der Syphilis schützen wollte, besser kontrolliert wurden als anderswo, galt Frankreich im 19. Jahrhundert als „Puff Europas“.

So schmeichelt uns der Spiegel: „Aber doch, du bist schön.“
Foto: BLZ/Holzer

Und obwohl das Land seit 2016 die Prostitution offiziell verbietet, existiert diese weiter – auch und gerade in dieser Gegend. Marangé steuert einen Massage-Salon mit blinkender Aufschrift an und behauptet, hier werde noch mehr angeboten als klassische Massagen. „Das zeigen drei Indizien: Es gibt keine Preisliste, alles ist verschlossen und die Schrift ist rot.“

Weiter geht es über den Boulevard de Clichy, seit den 60er Jahren Hauptstraße der Pariser Sex-Shops: Störten sich die Feministinnen im Mai 1968 an dieser Vermarktung des weiblichen Körpers, so befürworten viele ihrer Erbinnen heute feministische Pornografie. Weibliches Selbstbewusstsein untermauert auch die Künstlerin Intra Larue, die bunte Brüste an etlichen Stellen in der Stadt aufklebt. Seit immer mehr Passanten diese mitnahmen, veränderte sie das Material so, dass die Kunstwerke beim Versuch, sie von den Mauern abzunehmen, zerbrachen. Die Botschaft: Meine Brüste gehören dir nicht.

Schablonen-Abbildungen der Streetart-Künstlerin Miss.Tic.
Foto: BLZ/Holzer

So beschreibt es Julie Marangé und weist im nächsten Atemzug auf ein Graffiti hin: „Sie verlässt ihn, er tötet sie“. Mit solchen Aufschriften warnen feministische Gruppen vor häuslicher Gewalt – gerade während der Ausgangssperre ein dringliches Thema. Mit schnellem Schritt und ebenso schnell sprechend geht die junge Frau voran, um all die Geschichten, die sie gesammelt hat, anzubringen. Von Revolutionärinnen oder Widerstandskämpferinnen, die eine wichtige Rolle spielten, nach denen aber kaum Straßen oder Plätze benannt wurden.

Nur zehn Prozent der Statuen in Paris bilden Frauen ab, die meisten davon Johanna von Orléans. Ein Exemplar thront über dem Eingang der Basilika Sacré-Coeur auf dem Montmartre-Hügel, dem Endpunkt der Führung. „Für Feministinnen ist sie eine schwierige Figur, da sie als Kämpferin in die Rolle eines Mannes geschlüpft war“, sagt Marangé. Ihre Weiblichkeit erkenne nur, wer genauer hinsieht. Und der entdeckt plötzlich noch viel mehr.