Irina Amargianaki in ihrer Charlottenburger Wohnung.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

BerlinDass ein noch wenig bekannter Komponist zu einem berühmten Dirigenten geht und seine Partituren zeigt, mag im 19. Jahrhundert ein möglicher Weg gewesen sein, um mit gehörigem Glück ein Werk zur Aufführung zu bringen. Heute haben sich die Institutionen innerhalb der Musik weit voneinander entfernt: Das Komponieren findet an den Hochschulen statt, Kontakte werden von dort aus innerhalb der Szene gesponnen, das persönliche Fortkommen geschieht über Wettbewerbe und Festival-Aufträge, Verbindungen zu den Protagonisten des Luxus-Musiklebens gibt es praktisch keine.

Die Komponistin Irini Amagiarnaki indes hat eine Verbindung erkannt und mit Erfolg genutzt. Seit einigen Jahren schon arbeitet sie in der Notenbibliothek der Staatsoper Unter den Linden, zu ihren Aufgaben gehört das Übertragen von Einzeichnungen aus der Partitur des Dirigenten in das Notenmaterial des Orchesters: Strichanweisungen, Akzente und vieles mehr. Eines Tages musste sie zusammen mit zwei Korrepetitoren mit dem Generalmusikdirektor des Hauses über Sprünge in „Macbeth“ sprechen und erwähnte dabei, dass sie Komponistin sei. Barenboim forderte sie auf, ihr einmal etwas zu zeigen. Er war so angetan und interessiert, dass er Irini Amargianaki später einen Kontakt zu Jörg Widmann herstellte, der ihre Arbeit an einem neuen Stück begleitete.

Dabei ist Irini Amargianaki keine Komponistin, die im Fahrwasser von Barenboims Säulenheiligen Pierre Boulez oder Eliott Carter komponiert – die sinnliche Seite von Boulez’ komplexer Musik ist ihr erst in Barenboims Aufführungen aufgegangen. 1980 in Athen geboren und aufgewachsen auf Kreta als Tochter eines Experten für Byzantinische und Volksmusik, war sie von Kindheit an von Musik umgeben. Aber das bedeutet in Griechenland etwas anderes als in den klassischen Musikzentren Deutschland oder Frankreich. Als sie mit sieben Jahren anfängt, Akkordeon zu lernen, steht Volksmusik selbstverständlich neben klassischen Stücken. Musik ist „etwas Soziales“ in Griechenland, sagt sie, die Volksmusik ist wesentlich präsenter als die klassische – es gibt ja auch viel weniger Orchester und Ensembles. Neben der Musik studiert sie wegen ihres großen Interesses an der griechischen Tragödie noch Theaterwissenschaft, aber die Entscheidung, Komponistin zu werden, ist schon mit 17 gefallen. Ihr Theorielehrer hatte bei jeder Kontrapunkt-Übung die Kreativität herausgefordert – und damit bei Irina Amargianaki die Faszination geweckt am kompositorischen Prozess als eines Weges von der Fantasie übers Notenpapier bis hin zu einer klingenden und vom Publikum wahrgenommenen Wirklichkeit.

Zum Kompositionsstudium geht sie 2005 nach Berlin und fängt ein Jahr später bei Walter Zimmermann an der Universität der Künste an zu studieren. „Seine Musik nimmt sich die Freiheit, nicht den Normen neuer Musik entsprechen zu müssen“, sagt sie über ihren Lehrer, an dessen Unterricht sie zudem schätzt, dass er sie nie in seine Richtung gedrängt hat und stattdessen angeregt, sich umzusehen. Bei Kirsten Reese studiert sie parallel elektronische Musik, sie interessiert sich nicht nur für Konzertmusik, sondern auch für Installationen, nicht nur für Töne, sondern auch für Geräusche. Daneben begeistert sie sich auch für das ganz Alte und lernt bei Farhan Sabbagh, die Oud zu spielen. Diese seit 4000 Jahren vor allem im vorderen Orient gespielt Laute ist wegen ihrer variablen Saiten-Stimmungen auch zum Demonstrations-Instrument der arabischen Musiktheorie avanciert. Wenn Irini Amargianaki Mikrointervalle verwendet, dann klingt in diesem „modernen“ Mittel stets auch etwas Uraltes mit.

Anfangs noch unterstützt von ihren Eltern, fängt sie 2011 an der Bibliothek der Staatsoper an zu arbeiten, die damals im Schiller-Theater untergebracht war. Hier beginnt Irini Amargianaki, die bislang mit Skepsis betrachtete Oper für sich zu entdecken. Das von Jürgen Flimm ins Leben gerufene Festival „Infektion!“, das sich dem Musiktheater der Gegenwart widmet, eröffnet ihr 2016 die Möglichkeit, ein abendfüllendes Stück zu schreiben. Zwar hat sie sich Daniel Barenboim gegenüber bereits zu erkennen gegeben, aber die Planung des Festivals liegt in der Hand der Dramaturgen, von Isabel Ostermann und dem damals schon todkranken Jens Schroth. Das Musiktheater „ANS“ – Abkürzung für „Autonomes Nervensystem“ – für Instrumente, Boxen, Video und Schattenspiel zeigt in seiner instrumental-elektronischen und postdramatischen Struktur die experimentelle Seite von Irini Amargianaki. Dabei leiten 100 in die Bestuhlung eingebaute Lautsprecher Klang und Sprache in den Körper des Hörers.

Als die Staatsoper wie alle anderen Theater wegen Corona schließen muss, hat Barenboim die Idee eines Neue-Musik-Festivals, dessen Aufführungen ausschließlich über die Website des Pierre-Boulez-Saals gestreamt werden können. Irini Amargianaki bekommt Ende April einen Auftrag, den sie bis Anfang Juni fertigstellen muss. Sie dachte zunächst an ein Stück für Schlagzeug, bis sich ihr bei Erwähnung der Sängerin Sarah Aristidou ein Textfragment aus den „Eumeniden“ von Aischylos aufdrängte. Zwei Jahre zuvor hatte sie schon ein ähnliches Stück nach den „Bakchen“ des Euripides geschrieben, nun denkt sie an einen mehrteiligen Zyklus über antike Frauengestalten.

Auf Irini Amargianakis Couchtisch liegt „Das andere Geschlecht“ von Simone de Beauvoir, „die ist unverzichtbar“, sagt sie. Doch geht es in ihren „Eumeniden“ nicht um Gender-Themen, sondern um die Verinnerlichung des schlechten Gewissens, wenn sie die ermordete Mörderin Klytämnestra und die Erynnien von einer einzigen Sängerin darstellen lässt. In diesem Stück scheint das Archaische und Moderne eins zu werden. Das einleitende, von Emanuel Pahud bestechend gespielte Flötensolo versetzt den Hörer sofort in eine andere Welt. Die vielfältig ausdrucksvollen Artikulationen der Sopranistin werden ergänzt von durchaus rhythmischem Schlagzeug: Neben der sich aussingenden Seele wird der Körper nicht vergessen. „What a wonderful piece!“, rief Barenboim nach der Aufführung aus; es erfordere unbedingt wiederholtes Hören. Es ist zu hoffen, dass er die „Eumeniden“ und ihre Komponistin auch einem wirklich anwesenden Publikum eines Tages vorstellt.