Der Kameramann Robby Müller bei der Arbeit
Foto: Venice International

BerlinIn der Enge eines Hotelzimmers nähert sich eine Frau von rechts der Mitte des Raumes. Dort sitzt am Fenster ein etwa zehnjähriges Kind, der Frau entgegen blickend. Draußen pulsiert die nächtliche Stadt in unwirklichem Grün. In einer langen, fließenden Bewegung nähern sich Mutter und Sohn immer weiter an, bis sie sich endlich berühren und kreisend umarmen. Sie haben eine lange Zeit der Trennung hinter sich, doch das ist nun vorbei. Sie sind eben von einem Fluch erlöst worden. Und mit ihnen die Zuschauer im Kinosaal, die  ihre Tränen ins Taschentuch drücken, erleichtert über die Länge des Abspanns, der ihnen hilft,  ins Normalleben zurückzufinden. Die Schlusssequenz von „Paris, Texas“ gehört zu den großen ikonografischen Momenten der Filmgeschichte. 

Dass dies so ist, liegt auch an jenem Mann, der diese Bilder gezaubert hat. Dem Kameramann Robby Müller ist jetzt mit „Living The Light“ ein abendfüllendes Porträt gewidmet. Der Regisseurin Claire Pijman geht es ganz konkret um diesen Bildschöpfer. Doch indirekt würdigt sie damit auch die anderen Männer und Frauen an den Kameras, deren Anteil an den filmischen Leistungen in der Öffentlichkeit allzu oft vergessen wird. Fast alle sprechen nur von den Regisseuren. Wie essenziell für die Gesamtgestalt der Filme ihr bildgestalterisches Konzept ist, macht das Beispiel Wim Wenders' deutlich.

Die bündelnde Kraft des Blickes

Bereits als junge Männer hatten er und Müller für „Summer in the City“ (1970) zusammengearbeitet, da war Wenders noch Student. Ihre nachfolgenden Kooperationen wie „Alice in den Städten“ (1974), „Im Lauf der Zeit“ (1976) oder „Der amerikanische Freund“ (1977) werden in der aktuellen Dokumentation auf sehr aufschlussreiche Weise zitiert. Sie offenbaren den hohen Grad der ästhetischen Symbiose zwischen Regie und Bild, machen auch die bündelnde Kraft des Blickes von Robby Müller deutlich. Dass Wenders, alleingelassen mit seinen Ideen, sich schnell am Rande des Fragmentarischen und sogar des Kitsches bewegt, zeigen viele seiner spätere Arbeiten, die ohne Mitwirkung von Müller entstanden sind.

Claire Pijman konnte für „Living The Light“ auf den umfangreichen Nachlass des im Sommer 2018 verstorbenen Bildkünstlers zurückgreifen. Neben Zeichnungen, zahllosen Polaroids und am Rande von Dreharbeiten entstandenen Videoszenen basiert ihr Porträt auf Sequenzen aus den großen Kinofilmen sowie auf Interviews mit der Familie, mit Wegbegleitern und Regisseuren. Da es unmöglich wäre, auf das gesamte Spektrum des weit mehr als 60 Werke umfassenden Oeuvres einzugehen, konzentriert sich der Film auf Gespräche mit Wim Wenders, Rüdiger Vogler, Jim Jarmusch und Lars von Trier. Dazu sind unter anderen Steve McQueen und Agnès Godard zu hören. „Es gab nichts zwischen ihm und dem, was er filmte“, beschreibt Letztere ihren Eindruck von Müller.

Trailer zu „Living The Light“

Quelle: Youtube 

Dieses bis zur Selbstaufgabe gehende Berufsethos reißt eine tragische Dimension auf, die auch in den privaten Videoaufnahmen zu erahnen ist. Oft nahm er die stets wechselnden, doch immer gleich aussehenden Hotelzimmer auf, sich selbst in den Spiegeln, auf Fensterscheiben oder als Körperschatten in flüchtigen Landschaften. Hier blitzt eine tiefe Einsamkeit auf, verbunden mit dem unablässigen Unterwegssein, die diese Arbeit nun einmal mit sich bringt. Bei Frau und Kind war er immer nur für Tage, manchmal nur für Stunden. Und selbst dann behielt er stets die Kamera in der Hand. „Das war schon manchmal nervig, dass er grundsätzlich alles filmte, vom Aufstehen bis zum Zubettgehen“, erinnert sich Tochter Claire.

Living The Light 

ab 12. Dezember im FSK-Kino am Oranienplatz, „Alice in den Städten“, „Down by Law“ und „Dancer in the Dark“ laufen an den nachfolgenden Wochentagen und an den Feiertagen. Programminfo: 030-61403195

Es ist ein Verdienst, auch diese Seiten des vermeintlichen Traumberufs deutlich zu machen. Pijmans Liebeserklärung kommt nicht als Heldenbildnis daher, sie zeigt einen hochbegabten, aber auch ewig zweifelnden Künstler. Ihre Dokumentation über diesen Besessenen macht natürlich Lust, die angesprochenen Filme wiederzusehen. Dazu bietet das FSK-Kino Gelegenheit. Neben „Alice in den Städten“ von Wenders werden „Down by Law“ von Jim Jarmusch und „Dancer in the Dark“ gezeigt. Die Begegnung mit Lars von Trier brachte für Robby Müller in seiner späten Arbeitsphase noch einmal einen Energieschub mit sich.

Mit der unkonventionellen Arbeitsweise des dänischen Meisters ging eine Befreiung von vielen eingefahrenen Methoden einher. Während das 1995 gedrehte, calvinistische Melodrama „Breaking the Waves“ noch mit einer schweren Handkamera gedreht wurde, koordinierte Müller für das Todesmusical „Dancer in the Dark“ zahlreiche digitale Kameras. Das Ergebnis wurde  auch hier nicht zur   Leistungsschau einer neuen Technologie, sondern zum unmittelbaren künstlerischen Ausdruck einer humanistischen Botschaft. Die auf ihre Weise gut in die Weihnachtszeit passt. Oder wie es Peter Lilienthal, auf  Müllers Kamera bezogen, einmal ausdrückte: „Jetzt leuchtet die Welt wieder.“