Szene aus „Die Wütenden – Les Misérables“
Screenshot: YouTube

BerlinLadj Ly war zehn, als er das erste Mal von der Polizei gefilzt wurde. Wann er erstmals von Victor Hugos Roman „Les Misérables“ hörte, ist nicht überliefert, aber dreißig Jahre später schickte er dem französischen Präsidenten eine DVD seines ersten Spielfilms mit demselben Titel. Emmanuel Macron, heißt es, sei „von der Wahrhaftigkeit erschüttert“ gewesen. Inzwischen ist „Die Wütenden – Les Misérables“, nach dem Jurypreis in Cannes, sogar für den Auslandsoscar nominiert.

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Die schier unglaubliche Geschichte zeigt, wie viel sich manchmal ändern kann im Leben eines Menschen – und wie wenig in der Geschichte eines Landes. Wie ein großer Teil von Hugos „Elenden“ spielt Lys Film in Montfermeil, der Hochhaussiedlung nordöstlich von Paris, in der der Filmemacher selbst aufwuchs. Er ist kein Tourist im Leben der meist afrikanischen und maghrebinischen Einwandererkinder, die er hier porträtiert. Seine Familie stammt aus Mali. Bekannt wurde er im Viertel durch kleinere Delikte und selbstgedrehte Videos der allgegenwärtigen Polizeigewalt, die er ins Netz stellte – lange vor Youtube.

Man ist mittendrin

Umso erstaunlicher ist die Perspektive, die er nun über weite Strecken einnimmt: die der Polizei. Eine wichtige Ausnahme bildet die grandiose Eröffnungsszene. Auf den Champs-Élysées wird die Fußball-Weltmeisterschaft gefeiert. Menschen aller Hautfarben schwenken Fahnen, singen die Marseillaise. Man ist mittendrin, spürt die enorme Begeisterungsfähigkeit der Masse. Aber auch das Potenzial wütender Gewalt, wenn die Hoffnungen enttäuscht werden. So wie im Jahr 2005, als sich die unverändert tristen Zustände in den Vororten in Aufständen entluden. Die kleine Polizeieinheit, um die es geht, fürchtet sich davor und verbreitet Furcht. Sie wird auch ausgelacht und mit Wasserpistolen beschossen, aber die Spannung bleibt. Bald wird sich Stéphane (Damien Bonnard), der Neuling, über nichts mehr wundern. Er ist das moralische Zentrum des Films, der tief hineintaucht in eine Welt von fragiler Ordnung.

Trailer zu „Die Wütenden – Les Misérables“

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Ein selbst ernannter Bürgermeister hält sie mühsam aufrecht, klärt die Standrechte auf dem Trödelmarkt, besänftigt die Gemüter. Zu Hugos Zeiten, vor eineinhalb Jahrhunderten, war es vermutlich nicht anders. Es gibt Händler und kriminelle Banden, die ihre Geschäfte machen, gelangweilte Jugendliche und die Muslimbrüder, die sie mit Süßigkeiten in die Moschee locken. Bei aller Tristesse ist diese meisterhaft eingefangene Welt auch aufregend zu beobachten. Der Bürgermeister trägt das französische Nationaltrikot wie eine Uniform. Von luzidem Witz sind Szenen, in denen Stéphane, der nette Provinzbulle, von seinem latent rassistischen Kollegen Chris (Alexis Manenti, Co-Autor des Drehbuchs) in bewusst brenzlige Situationen geschickt wird, um auf den Boden der Tatsachen zu kommen. Aber man spürt auch, warum sich sein zweiter, schwarzer Kollege Gwada (Djebril Zonga) hier besonders unwohl fühlt.

Eskalation der Gewalt

Diese Gemengelage kann jederzeit explodieren, was natürlich auch geschieht. Ein aus einem Roma-Zirkus entwendetes Löwenbaby bildet den nichtigen Anlass. Doch die Eskalation der Gewalt, die das letzte Drittel des Films bestimmt und die fröhlichen Feiern des Anfangs ins Reich der Träume verweist, hat andere Gründe. Wie man feststellt, hat sich an Lys Perspektive nichts geändert. Sein polizeilicher Blick ist in Wahrheit ein Blick auf die Polizei. Deren Methoden werden in Frankreich derzeit heiß diskutiert, etwa der Einsatz von Hartgummigeschossen. In diesem Zusammenhang muss man das Hugo-Zitat verstehen, das der Filmemacher hier verwendet: „Es gibt weder Unkraut noch schlechte Menschen. Es gibt bloß schlechte Gärtner.“ Tatsächlich ringt er nicht um Sympathie für seine Geschundenen, zeigt keine sozialarbeiterischen Ambitionen.

Stattdessen greift er eine Politik an, die in ihnen nur eine Plage sieht. Wobei er die Polizisten, die sie verkörpern müssen, keineswegs als Unmenschen zeichnet. Seine eigentliche Größe hat dieser fabelhaft montierte und bis in die vielen Laienrollen hinein exzellent gespielte Vorstadtthriller im Gegenteil in der dokumentarisch-nüchternen Bestandsaufnahme dessen, was ist. Eben dadurch entfaltet er seine brutale Wucht. Doch was kann ein Film bewirken? „Hier ist es wie im Zirkus der Antike. Auf den Rängen verfolgt die Mehrheit der Franzosen gelangweilt unseren Kampf mit den Löwen in der Manege.“ Der Satz stammt nicht von Ly und auch nicht von Hugo, sondern von Mehdi Charef, Regisseur des 1985 erschienenen Films „Tee im Harem des Archimedes“.

„Die Wütenden – Les Misérables“

Frankreich 2019. Regie: Ladj Ly, Drehbuch: Ladj Ly, Giordano Gederlini, Alexis Manenti, Darsteller: Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Zonga u.a.; 102 Min., Farbe. FSK ab 12 Jahre

Auf die eher zarte Geschichte über die Jugendfreundschaft eines Franzosen mit einem Algerier folgte 1995 Mathieu Kattowitz’ „Hass“. Rassismus, Drogen, Polizeigewalt – die Themen des Cinéma Beur bleiben gleich, immer härter werden die Filme. Mittlerweile sieht sogar der Präsident zu und wiegt bedächtig den Kopf. Die Aufmerksamkeit, die zuletzt die Gelbwesten erfuhren, werden die Banlieues trotzdem nie erhalten. Dabei zeigt „Die Wütenden“ auch, in winzig kleinen Dosen, wie eine bessere Politik aussehen müsste, die den Ausgleich sucht, die Menschen mit ihren Problemen nicht alleine lässt. Es muss sich etwas ändern. Denn auch kleine Löwen werden einmal groß.