Viele Männer, aber auch einige Frauen hatten sich im Lido an der Schlesischen Straße eingefunden, als hier das junge, gemeinhin als die Zukunft der Rockmusik gehandelte Südlondoner Quartett Black Midi gastierte. Das gut einstündige Konzert der Band, der das Label Rough Trade einen für heutige Zeiten stattlichen Vorschuss gezahlt haben soll, erfolgte ohne Ansagen oder Zugaben und war in seiner konsequenten Pausenlosigkeit eines jener ganz seltenen Musikereignisse. Es rechtfertigte den Hype um den Gitarristen Matt Kwasniewski-Kelvin vollends, obwohl dieser zunächst spürbar mit technischen Schwierigkeiten zu kämpfen hatte.

Müllhalde aus Experimentalrock-Klängen der vergangenen 40 Jahre

Als diese überwunden waren, bewegte sich die Band wie über eine Müllhalde aus Experimentalrock-Klängen der vergangenen vier Jahrzehnte, so selbstverständlich kickte sie die Versatzstücke herum, dass auch mal ein Spieler kurz ausfallen konnte – es dekonstruierten sich auf der Bühne immer noch etwa zehn Subgenres gleichzeitig: Nervöser Post-Punk trat gegen Sludge-Metal an, Fela Kuti klammerte sich an Sonic Youth, alles klang dabei aber auch irgendwie nach King Crimson oder Slint oder einem Dutzend Grunge-Bands.

Ähnlich wie ihr im Juni erschienenes Debüt-Album „Schlagenheim“, dessen Dynamik aber noch deutlich expandierend, arrangierten die vier Musiker um die 20, die ihre Band nach einem japanischen Trend zur maximalen Überladung des digitalen Tontriggersystems MIDI bis hin zum Computercrash benannt haben, eine große Menge Vergangenheit zu ihrer ganz eigenen Musikwelt. Es ist eine Welt, wie vielleicht nur junge Digital Natives sie erschaffen können, eine furchterregende, gleichzeitig aufregende Zerrissenheit, eine Verfasstheit ständiger, hyperaktiver Verarbeitung riesiger Datenmengen.

Dennoch fragte man sich beim Konzert im Lido, wie derart junge Menschen eine so große Referenzmasse mit solcher Wucht verwalten können und dabei klingen wie das wackeligste Experiment und die abgebrühteste Muckertruppe zugleich. Immerhin besuchte die Band die Südlondoner BRIT-Schule mit Musikschwerpunkt, die der Welt bereits Stars wie Amy Winehouse, Adele oder King Krule schenkte, und nutzte deren Proberäume über Jahre ausgiebig.

Aber dennoch bedarf es einer ungewöhnlichen Vision, um daraus ein lebendiges Endzeitgeräusch zu destillieren. Bemerkenswert übrigens der opernhafte Nuschel-Quak-Gesang von Gitarrist Geordie Greep – dessen Look an den jungen Gary Numan in Fünfziger-Gedenkfrisur erinnerte. Alsbald driftete Greeps Stimme in ziegenhaftes Fisteln und wurde gelegentlich von Post-Emo-Geschrei-Interventionen durch Kwasniewski-Kelvin oder Bassist Cameron Picton kontrastiert.

Atonales Ping-Pong-Spiel zwischen Geordie Greep und Matt Kwasniewski-Kelvin

Doch lag der Fokus auf dem Instrumentalspiel, und bei aller Detail-Verarbeitung des antiken Idioms “Gitarrenriff“ – egal ob im monolithischen Eingangsstück „953“, in den Noiserock-Schwellungen von „Ducter“ oder einem atonalen Ping-Pong-Spiel zwischen Greep und Kwasniewski-Kelvin, welches wiederum ins Schlussstück, das Disco-Funk-Wrack „bmbmbm“ mündete, war es Schlagzeuger Morgan Simpson, der alles zusammenhielt.

Dieser Junge trommelt, als sei die Jazz-Legende Elvin Jones in eine Punkrockband geraten. Am Bühnenrand positioniert, blickten die anderen drei auch regelmäßig zwecks Orientierung zu ihm hinüber, was sie wie Wartende an einer Bushaltestelle aussehen ließ – Nahverkehrskunden, die beim Warten abgehetzten Afro-Progrock spielen. Ein schönes Bild: Warten auf den Bus in die Zukunft, die sich auf diesem appropriierten Vergangenheitsgewusel sicher wird aufbauen lassen.