Heraus aus der alten Welt und auf in die Neue.
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BerlinBerlin muss man sich erst verdienen. Mein Bruder und ich sind Halbgeschwister. Was ich definitiv schon als Kindergartenkind weiß, weil mein drei Jahre älterer Halbbruder mich als Juniorpartnerin in einige seiner Geschäfte im für uns 1989 frisch eröffneten West-Berlin einbezieht.

Meine Mutter findet es definitiv schöner, sich hier im Westteil eine schöne große Wohnung nur eben grade jetzt noch nicht leisten zu können, als drüben in einer heruntergekommenen zu wohnen. Also leben wir vorübergehend in einer Einzimmerwohnung in Kreuzberg. Dort versammeln sich irgendwann die Kinder im Kreis um den Nachbarsjungen, der einen Holzsplitter im Auge hat, mein Bruder holt mich dazu, denn das lohnt sich und kostet nichts.

Irgendwann kriege ich glitzernde Ohrstecker, die ja auch irgendwie Splitter sind und mein Bruder eine Katze von Mehmet, der keine Katze mehr haben darf. Es ist halb unsere Katze, halb Mehmets. Ab jetzt sind wir zu viert in der Einzimmerwohnung. Mein Bruder nimmt mich mit, zum Brocken-aus-der-Mauer-rausklopfen, was uns reich machen soll. Ich weiß nicht, ob das die Mauer ist, mit vier sehen alle Mauern gleich aus. Wahrscheinlicher ist, dass mein Bruder, dem sehr früh jede Romantik abgeht, findet, dass alle Brocken aus allen Mauern Mauerbrocken sind und sich am Fetisch der anderen gut verdienen lässt.

Von Kreuzberg nach Brandenburg

Wir werden von größeren Leuten vertrieben. Nicht immer geht jede seiner Geschäftsideen auf. Reich werden wir später, während meine Mutter im Club tanzt, beim Pfandbechersammeln. Mein Bruder gibt mir nur sehr wenig vom Gewinn ab. Das hat etwas mit seinem geistigem Eigentum an der Geschäftsidee zu tun und Lehrjahre sind keine Herrenjahre. Nach einem knappen Jahr in Kreuzberg ziehen wir mit dem westdeutschen Klavierlehrer meiner Mutter nach Brandenburg, in ein Einfamilienhaus mit Spitzengardinen, das seine Eltern kaufen. Sie kaufen auch das Haus nebenan für sich.

Mein Bruder will finanziell unabhängig bleiben. Wir denken langfristig und pflanzen Mohrrüben, die wir gefühlte 30 Jahre später auf der Dorfstraße verkaufen. Doch die Eltern des Klavierlehrers machen uns mit der Behauptung, wir hätten ihre Mohrrüben geklaut, einen Strich durch die Rechnung und nehmen uns das Geld (ca. eine DM) und die Mohrrüben ab. Als Strafe oder Schulden oder Miete oder so und weil ihnen die Produktionsmittel gehören, das Haus, der Boden, das Wasser zum Möhrengießen und irgendwie auch wir.

Gemein- und Privateigentum

Wir ziehen uns aus der Landwirtschaft zurück. Kurz darauf bin ich wieder in Berlin. Ohne den halben Bruder, schaue ich bei meinem Vater in einer Einzimmerwohnung am Kollwitzplatz alte Märchenfilme, während meine Milchzähne rausfallen, die sich aber nicht verkaufen lassen. Ich sammle das Kleingeld auf, das aus den Hosentaschen meines Vaters fällt und arbeite mich langsam zu seiner Kleingelddose, später zu seinem Portemonnaie vor, was nicht mehr okay ist.

Geld auf dem Boden ist Gemeineigentum, Geld in Dosen und im Portemonnaie Privateigentum. Geld im Portemonnaie, das auf dem Boden liegt, ist trotzdem Geld im Portemonnaie. An den Klavierlehrer denke ich, als ich Jahre später das Lied „Er fährt nicht mehr nach Thailand, weil er sein Girl in Sachsen fand“ höre. Zuhause ist definitiv Berlin. Wo auch der Kapitalismus wohnt, den erst der kalkulatorische Blick meines achtjährigen Bruders entlarvt hat, und viel später Marx.