Er gehört nicht zu den beliebtesten Romanen von Patricia Highsmith. Von „Die zwei Gesichter des Januars“ musste die Autorin mehrere Fassungen anfertigen, bis das Buch schließlich von einem Verlag angenommen wurde, denn am Ende hatte es sich dann irgendwie ihrem größten Erfolg angenähert, dem Krimi „Der talentierte Mr. Ripley“. Hier wie dort geht es um zwei Männer, betucht der eine, mittellos der andere. Hier wie dort handelt es sich um Amerikaner in der Fremde; und hier wie dort steht eine Frau als oberflächlicher Anlass zur Entfesselung tieferer Konflikte zwischen diesen beiden Männern.

Und natürlich gibt es hier wie dort das Spiel mit Identitäten und Ähnlichkeiten, mit Betrug und Lügen, mit gegenseitigen und unversehens umschlagenden Abhängigkeiten. Was im ersten „Ripley“-Roman so virtuos arrangiert ist, wirkt in „Die zwei Gesichter des Januar“ kompliziert und tendenziell sogar schwerfällig – obwohl der Plot doch denkbar simpel ist. Der zwielichtige Geschäftsmann Chester McFarland wird in Athen von einem Schulden-eintreiber aufgesucht. Chester tötet ihn während eines Handgemenges, und während er den Toten über den Hotelflur schleift, trifft er auf Rydal Keener, den er erst kurz zuvor kennengelernt hat. Rydal hilft ihm beim Beseitigen der Leiche, bei der Flucht mit falschen Papieren – und freut sich zunehmend über die Aufmerksamkeit von MacFarlands Frau Colette. Schon vom Alter her passt Colette besser zu dem Studenten Rydal als zu dem bereits leicht verwitterten Chester. Chester wiederum erinnert Rydal an seinen Vater.

Es sind diese psychologischen Hintergründe, die sich auf schwer zu ergründende Art in der Geschichte niederschlagen wollen und hintergründige Motivationen bewirken sollen. Aber dabei bleiben sie doch ungreifbarer als in anderen Geschichten dieser großen Autorin, und sie belasten den Roman eher, als dass sie ihn vertiefen. Erste Wahl zum Verfilmen ist das Buch daher wohl nicht. Auch der Drehbuchautor Hossein Amini, der bereits literarische Vorlagen von Henry James („Die Flügel der Taube“), James Sallis („Drive“) und den Gebrüdern Grimm („Snow White and the Huntsman“) fürs Kino bearbeitet hat, ist von der Konstruktion des Romans nicht restlos überzeugt.

Dennoch ist ihm eine bemerkenswert schlanke und überschaubare Kinoadaption gelungen. An der Oberfläche sind die Interessen der Figuren handfest: So neidet Rydal den MacFarlands ihren gehobenen Lebensstandard. Aber zwischen diesen klaren Linien bleibt den Schauspielern Raum für das psychologische Geflecht. Der Blick von Rydal (Oscar Isaac) mag noch auf den anderen Figuren ruhen, wenn sein Gesichtsausdruck längst erstorben ist. Man spürt: Es geht um mehr als Geld. Und Chester ist ja auch eine Vaterfigur mit allen Ambivalenzen – man sucht ihre Anerkennung und wünscht ihren Tod. Viggo Mortensens Chester sieht man an, dass er nicht nur den Nachstellungen und der bedrohlichen Hilfsbereitschaft des jungen Mannes entgehen will, sondern auch den Antrag der Vaterrolle zurückweisen will.

„Die zwei Gesichter des Januars“ ist zugleich Hossein Aminis Debüt als Regisseur. Als solcher schafft er zusammen mit seinem Kameramann Marcel Zyskind wunderbare Dekore: Was ein Urlaub in den 1960er-Jahren bedeutet hat, wie beschwerlich, aber zugleich mondän sich damals eine Fernreise gestaltete, wie elegant und lässig zugleich die Freizeitkleidung jener Jahre geschnitten war – das alles zeigt der Film mit nostalgischer Zärtlichkeit.

Bei aller stilistischen Schlüssigkeit zielt Aminis Regie jedoch stets auf die Erzählung. Immer stärker konzentriert sich der Film auf das seltsame Gegeneinander dieser beiden Männer, auf die Verschiebungen ihres Machtverhältnisses, in dem auch Colette nur noch ein Posten unter anderen ist, deren Lieben und Sterben mal Trumpf, mal Schwarzer Peter im Spiel der Männer ist. Die Totalen auf die Landschaften und Städte weichen subjektiven Perspektiven durch Straßen – damit enthüllt sich dieser Urlaub als Flucht: Die Plätze ziehen sich zu Fluchtwegen und Jagdkorridoren zusammen. Nach Maßstäben des heutigen Spannungskinos ist „Die zwei Gesichter des Januars“ nicht gerade ein Nägelbeisser. Auch die ruhige Erzählweise scheint den 1960er-Jahren verpflichtet; bei der Premiere des Films auf der diesjährigen Berlinale fiel als stilistische Referenz der Name Hitchcock. Letztlich bietet dieser ungemein sorgfältig gemachte Film etwas sehr seltenes: Einen Kriminalfilm, der sich nicht aus dem Verbrechen entwickelt, sondern aus dem Verhältnis der Figuren zueinander.

Die zwei Gesichter des Januars

(The Two Faces of January) USA/GB/ Frankr. 2014. Buch & Regie: Hossein Amini, Kamera: Marcel Zyskind, Darsteller: Viggo Mortensen, Oscar Isaac,

Kirsten Dunst u. a.; 96 Minuten, Farbe.

FSK ab 12.