Begleitet wird Diekmann von zwei Getreuen aus dem Hause Springer, dem Marketingchef Peter Würtenberger und Martin Sinner, der Springers Onlineplattfom Idealo leitet. Die Bild-Zeitung wird künftig von Diekmanns bisherigen Stellvertretern Marion Horn und Alfred Draxler geführt. Diekmanns Weggang ausgerechnet im Jahr des 60. Geburtstages der Bild-Zeitung kommt für die meisten in der Branche überraschend. Seit 2001 ist er nun schon Chefredakteur der Bild-Zeitung.

Und gemach, er soll es nach Worten des Springer-Verlages ja auch bleiben. Allerdings legt er gewissermaßen eine kreative Pause ein. Von September an verlagert Diekmann seinen Arbeitsplatz nach Palo Alto, um dort für Springer „neue unternehmerische Ideen für digitales Wachstum“ zu entwickeln, wie das Haus am Mittwoch mitteilte. Mindestens sechs Monate soll sich das Diekmann-Team dort aufhalten, um Kontakte zu Internetunternehmern, Wissenschaftlern und Organisationen aufzubauen. Ein Forschungsprojekt sei das, und je nachdem, was sich ergebe, könne sich die Dauer der Reise auf bis zu ein Jahr verlängern, heißt es.

Diekmann ist raus aus der Produktion

In dieser Zeit wird sich Diekmann komplett aus der Produktion der Bild-Zeitung heraushalten, nicht einmal die Schlagzeilen auf Seite 1 werde er abnehmen, heißt es aus dem Verlag. Diekmann soll sich ganz auf seinen neuen Job konzentrieren, der, versteht man die Einlassungen des Verlages richtig, vor allem darin besteht, sich in der Digitalbranche umzuschauen und mit Experten zu reden. Und vielleicht das eine oder andere Garagen-Start-up zu akquirieren.

Genaue Pläne oder eine ausgearbeitete Strategie für den Sechs-Monate-Trip gibt es aber wohl noch nicht. Und wenn doch, verrät sie Springer bisher nicht.
Ausgedacht hat sich die Dienstreise Springer-Chef Mathias Döpfner, der sich mit den Worten zitieren lässt: „In einem integrierten Medienunternehmen entsteht Wachstum heute nur durch die Kombination von kreativen Inhalten, innovativen IT-Lösungen und überzeugenden Marketing-Konzepten.“

Wie geht's weiter ohne Diekmann?

Diekmann, so heißt es, verkörpere in dem Dreierteam die inhaltliche Kompetenz, die sich nicht nur auf Print (Bild-Zeitung), sondern auch auf das Netz (Bild.de) erstrecke. Würtenberger sei der Marketing-, Sinner der Technik-Experte.

Alle drei sollen nach der Expedition wieder ihre alten Posten übernehmen. Doch was, wenn die Bild-Zeitung sich in Abwesenheit Diekmanns prächtig entwickelt, an Auflage zulegt und womöglich auch an Anzeigenumsatz? Was, wenn Vorstandschef Döpfner meint, Kai Diekmann müsse seine neu erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten an anderer Stelle als bei Bild in den Dienst des Konzerns stellen? Was, wenn die Interimschefs Alfred Draxler und Marion Horn Geschmack finden an dem Platz ganz oben? Was, wenn man bei Springer einfach glaubt, dass ein Dutzend Jahre an der Bild-Spitze genug sind? Heißt es dann doch irgendwann im nächsten Jahr: „Der Chefredakteur der Bild-Zeitung, Kai Diekmann, verlässt das Blatt“?

Der Verlag weist dergleichen Spekulationen ins Reich der Fantasie. „Kompletter Blödsinn“ sei das, sagt der Springer-Sprecher Tobias Fröhlich. „Wer Kai Diekmann kennt, wer mit ihm zusammenarbeitet, der erlebt täglich, wie absurd solche Gerüchte sind.“ Einerseits. Andererseits ist ein halbes Jahr ganz schön lang, ein ganzes, na klar, noch länger. Und das Silicon Valley ist weit weg. Kaum vorstellbar, dass Kai Diekmann als derselbe zurückkehrt, als der er hinfahren wird. Und dass die Bild-Zeitung in dieser Zeit ganz dieselbe bleibt.