Der aufgeschlagene Dienstkalender von SS-Chef Heinrich Himmler.
Foto: dpa/Matthias Benirschke

Berlin„Himmlers Dienstkalender zeigt einen intriganten, kleinlichen, pedantischen, nachtragenden, schulmeisterlichen, verbissenen und mitunter skurrilen Bürokraten, der zusammen mit zahlreichen Komplizen täglich Mord und Gewalt plante und ausführen ließ.“ Dieses Fazit zieht der Historiker Matthias Uhl anlässlich der Veröffentlichung des lange verschollen geglaubten Dienstkalenders des berüchtigten SS-Chefs.

Uhl, Wissenschaftler am Deutschen Historischen Institut in Moskau, hat den Fund zusammen mit einem Expertenteam ausgewertet. Seiner Meinung nach beweist der Kalender aus den letzten Kriegsjahren „eindrucksvoll die Radikalisierung des untergehenden Regimes“ sowie die Verantwortungslosigkeit Himmlers. Bis zuletzt klammerte er sich an jeden Strohhalm und diente sich schließlich sogar den Alliierten an. Die Veröffentlichung bestätigt das Bild eines skrupellosen Massenmörders und Organisators des Terrors.

Wie so viele Beutestücke hat auch Himmlers Dienstkalender eine lange und verworrene Geschichte hinter sich. Nach schweren Luftangriffen auf Berlin wurde er zusammen mit anderen wichtigen NS-Dokumenten in ein Schloss in Niederschlesien ausgelagert, wo er im Mai 1945 der Roten Armee in die Hände fiel. Am Ende landete das Beutegut in einem Archiv des russischen Verteidigungsministeriums in Podolsk südlich von Moskau. Dort war es für westliche Forscher über Jahrzehnte unzugänglich. Erst nach dem Ende der Sowjetunion wurde der Dienstkalender dort entdeckt und zunächst die Ausgaben der Jahre 1941-1942 veröffentlicht. Jetzt folgen die Jahrgänge 1943-1945.

Zunächst einmal überrascht die akkurate Führung und Vollständigkeit des Dienstkalenders. Zwischen dem 1. Januar 1943 und dem 14. März 1945 als dem Tag des letzten Eintrags sind nur sechs Tage ganz ohne Notiz. Für die Führung des Kalenders war ein Adjutant Himmlers zuständig. Der Diensttag Himmlers begann meist gegen 9 Uhr und konnte bis 22 oder 23 Uhr abends dauern. Zwischen der langen Abfolge von Besprechungen mit SS-Führern, Generälen oder sonstigen Offiziellen des NS-Regimes sind auch private Termine beim Friseur oder Masseur eingestreut. Erkrankungen werden ebenfalls hin und wieder erwähnt. Zum Zeitpunkt der berüchtigten Posener Rede im Oktober 1943, in der er unverblümt über die Ausrottung der Juden sprach, notierte Himmler „schwer erkältet“ oder „Halsweh“.

Relativ häufig standen auch Besuche bei Frau und Tochter in Bayern an. Die ebenfalls regelmäßigen Treffen mit Himmlers Geliebten dagegen kann man sich nur indirekt erschließen. Sie verbergen sich hinter vagen Umschreibungen wie „Inspektionsreise“ oder „unterwegs“. Die weitaus meisten Treffen aber hatte Himmler mit Hitler, was die überragende Bedeutung des SS-Chefs und seine große Nähe zum „Führer“ unterstreicht, der ihn als potenziellen Nachfolger auserkoren hatte. Im Dienstkalender sind insgesamt 168 Treffen mit Hitler erwähnt, die meisten davon in der zweiten Jahreshälfte 1943.

Was auch ersichtlich wird: Anders als etwa Eichmann war Himmler kein Schreibtischtäter, er war sehr viel unterwegs, besichtigte eingehend die Konzentrationslager und war mehrfach Zeuge bei der Ermordung von Juden.

Ihren eigentlichen Wert erhält die Publikation allerdings erst durch die historische Einordnung der Kalendereinträge in die Tagesgeschehnisse. Denn die dürren Notizen allein lassen selten ihre grausame Dimension erkennen. Aus dem Eintrag vom 12. Februar 1943 „Besichtigung des SS-Sonderkommandos“ in Sobibor lässt sich schwerlich herauslesen, dass sich Himmler an diesem Tag persönlich die Funktionsweise der Gaskammern in dem Vernichtungslager erklären ließ.

Und am 30. November 1943 bleibt inmitten all der Einträge unerwähnt, dass Himmler dem SS-Gruppenführer Globocnik für die „großen und einmaligen Verdienste“ bei der Organisation der Ermordung von 1,5 Millionen Menschen dankte. Dieser Massenmord ist unter dem Namen „Aktion Reinhard“ in die Geschichte eingegangen. Erst in dem Zusammenspiel zwischen den meist lapidaren Kalendereinträgen und dem von den Forschern akribisch recherchierten, oft ungeheuerlichen Tagesgeschehen entfaltet die Publikation ihre ganze Wirkung.

Matthias Uhl u.a. (Hg.): Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945. Piper, München 2020. 1152 S., 48 Euro