Diese Ausstellung zeigt, wie die Ukraine russische Aggression mit Memes bekämpft

Im Berlin Story Bunker wird die Geschichte von Memes im Ukrainekrieg erzählt. Die Museumsdirektoren sagen, hier sehe man einen Wendepunkt für die Kriegspropaganda.

Enno Lenze in der neuen Ausstellung „Ukrainische Memes“ im Berlin Story Bunker. In der Hand hält er ein Heftchen von Meme-Briefmarken, die von der ukrainischen Post ausgegeben wurden.
Enno Lenze in der neuen Ausstellung „Ukrainische Memes“ im Berlin Story Bunker. In der Hand hält er ein Heftchen von Meme-Briefmarken, die von der ukrainischen Post ausgegeben wurden.Sabine Gudath

Wer zu Besuch ist im Berlin Story Bunker, kommt meist, um etwas über Berlin im Zweiten Weltkrieg, im Kalten Krieg und in der Zeit danach zu lernen. Wohl niemand rechnet damit, kitschige Fotos von Shiba-Inu-Hunden zu sehen oder eine lebensgroßen Darstellung des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj, der als Marvel-Held Captain America verkleidet ist. Dennoch bietet ein neuer Raum im ohnehin schon weitläufigen Museum genau solche Einblicke. Seit diesem Freitag gibt es dort eine neue Ausstellung über die Rolle von Memes im Ukrainekrieg.

Kuratiert wurde die Ausstellung gemeinsam von den Museumsdirektoren Wieland Giebel und Enno Lenze. Sie sagen, dies sei die erste Meme-Ausstellung der Welt. Sie wollten damit ihren Besuchern erklären, was ein Meme tatsächlich ist. Lenze definiert Meme als einen „vielschichtiger Witz“, der sich schnell ändern könne. Im Ukrainekrieg spielen diese Bilderwitze eine große Rolle, in den sozialen Medien und anderswo.

„Anders als Propagandawitze werden Memes meist von unten statt von oben in die Gesellschaft gebracht“, sagt Lenze. „Sie stammen von ganz normalen Menschen und werden von der ukrainischen Regierung und Armee als legitime Kommunikationsform befördert.“ Das Museum beschäftigt sich also auch mit dem Thema Propaganda. „Im Ukrainekrieg werden Memes oft mit Crowdfunding-Kampagnen für Waffen und Militärausrüstung verbunden.“ Das sei eine neue Evolution der Kriegspropaganda.

Memes sorgen für Handlungshoheit und Selbstbestätigung der Ukraine

Auf jeder Tafel der Ausstellung wird ein neues Motiv vorgestellt, das häufig in den Memes zu sehen ist: von Witzen über den ukrainischen Traktor, der einen russischen Panzer wegschleppt, bis zu Stereotypen über Russen, die Fernseher und Waschmaschinen aus ukrainischen Wohnungen klauen  – und der sogenannten „Nafo“-Bewegung, die mit Shiba-Inu-Memes russische Trolls im Internet bekämpft.

Es gibt mehr als 150 Beispiele dieser Memes, die auf allen Ebenen im Internet geteilt werden – von anonymen Twitter-Nutzern bis zum ukrainischen Verteidigungsministerium oder der ukrainischen Post. Giebel und Lenze sehen in der Art und Weise, wie die Ukrainer Memes seit dem 24. Februar verwenden, eine Methode zur Sicherung der Handlungshoheit im Kampf. „Sie wollen dem Feind ins Gesicht lachen.“ Als Taktik im Kampf sei das mit dem Haka der Maori-Kultur vergleichbar, einem Tanz, der den Gegner einschüchtern soll.

Captain America, Traktoren und Remixe von Volksliedern: So gehen die Ukrainer mit russischer Aggression um.
Captain America, Traktoren und Remixe von Volksliedern: So gehen die Ukrainer mit russischer Aggression um.Sabine Gudath

Lenze hat diese Taktik aus erster Hand beobachtet – er war seit dem 24. Februar mehrmals in der Ukraine und hat die Soldaten an der Front besucht, wo der Geist hinter den Memes auch im heißen Kampfgebiet zu spüren ist. Auf Plattformen wie TikTok und Instagram sind mehrere Videos von ukrainischen Soldaten zu sehen, wie sie zu Meme-Liedern wie einem Song über den berühmten Spürhund Patron oder Remixes von ukrainischen Volksliedern tanzen. „Ich hatte immer Angst, als unsere Position unter Beschuss geriet, aber die Soldaten hatten immer so eine gute Laune“, sagt er. „Sie sehen sich als Herr der Lage und wollen nicht aufhören, ihr Leben so zu führen wie sie wollen, denn das wollen ja die Russen.“

Die Ausstellung wird mit neuen Memes aus dem Krieg aktualisiert

Wieland Giebel sagt: „Die Memes sollen die Betrachter nicht nur zum Lachen bringen, sondern leisten auch eine wichtige Funktion als Mittel der Selbstbestätigung der Ukrainer in Kriegszeiten.“ Dazu habe selbst Selenskyj den Takt vorgegeben: „So was wie sein Video vom 25. Februar mit seinem Team, um zu zeigen, dass sie noch in Kiew waren,  jeder kann selbst etwas mit dem Handy drehen und ins Internet hochladen.“ Dieses Video ist mit anderen Meme-Clips auf einem Bildschirm neben dem Captain-America-Plakat zu sehen. Man wollte mit der Ausstellung den „heldenhaften Kampf“ der Ukrainer ehren, so Giebel. Den Gegner, dem sie ausgesetzt sind, will das Bunker-Museum weiter thematisieren: mit der geplanten Ausstellung eines beschossenen russischen Panzers vor der russischen Botschaft in Berlin.

Die Ausstellung ist ab sofort geöffnet und es ist noch nicht bekannt, ob sie wieder abgebaut wird. Sollen aus den weiteren Entwicklungen im noch laufenden Krieg neue Memes entstehen, werde man die Ausstellung mit diesen ergänzen, sagt Enno Lenze. Er kann sich aber gut vorstellen, dass diese Ausstellung eine lange Zeit relevant bleiben wird – denn sie stelle einen Wendepunkt der modernen Kriegführung dar. „In zehn Jahren wird man noch auf diese Memes schauen und feststellen, das war der Moment, als die Propaganda sich für immer geändert hatte“, sagt er.

Die Ausstellung „Ukrainische Memes“ ist Teil des Museums im Berlin Story Bunker, Schöneberger Str. 23A, 10963 Berlin. Das Museum ist täglich von 10-19 Uhr geöffnet.