Berlin - Der Brexit, Donald Trump, rechts- und linkspopulistische Bewegungen wie die AfD oder die Fünf Sterne in Italien verdanken ihren Aufstieg wesentlich der Angst der Menschen in Europa und Nordamerika vor einer urmenschlichen Bewegungsart: der Wanderung. Die Ifa-Galerie in Mitte und die Box-Galerie in Friedrichshain zeigen Kunst, die die Folgen dieser Wanderung, der Flucht aus Afrika reflektiert. Nikolaus Bernau hat sich die Ausstellungen zur Angst vor „dem schwarzen Mann“ für Sie angesehen – und das ist sein Fazit.

Schwarze Köpfe mit vernähten Lippen, aufgerissenen Mündern, vom Schleier eingefassten Augenschlitzen, traurige und lachende Gesichter mit Schmucknarben. Es sind Köpfe aus Stoffballen, auf Bambusstöcke gesteckt.

Unter den Bäumen im Gartenhof des Freiraums in der Box in der Boxhagener Straße in Friedrichshain nimmt man den Schrecken dieser Installation von Aliou Diack zunächst gar nicht wahr. Es sieht eher heiter aus. Und doch, nach Minuten des Sehens glaube ich zu erkennen: Diese wie abgeschlagen wirkenden und durch lange, weiße Fäden miteinander verbundenen Köpfe sind Stellvertreter jener Katastrophe, die auf den langen Wanderungspfaden zwischen Zentral-, Ost- und Westafrika und Europa Tag für Tag stattfindet.

Der Brexit, Donald Trump, rechts- und linkspopulistische Bewegungen wie die AfD oder die Fünf Sterne in Italien verdanken ihren Aufstieg wesentlich der Angst der Menschen in Europa und Nordamerika vor einer urmenschlichen Bewegungsart: der Wanderung. Tief verankerte rassististische Ängste vor „dem schwarzen Mann“ verbinden sich da mit dem Trauma der großen, als Zeit völliger Hilflosigkeit erinnerten Fluchtbewegungen der Nachkriegszeit in Europa.

Auch um solche Angst-Wurzeln freizulegen, haben sich das in Stuttgart ansässige Institut für Auslandsbeziehungen Ifa, die Villa Romana in Florenz (seit mehr als hundert Jahren das Zentrum der deutschen Künstlerförderung in der alten Hauptstadt der Renaissance) und die Kunstorganisation Thread Residency in Sinthian im südöstlichen Senegal zusammengetan.

Verantwortung der afrikanischen Eliten für die Katastrophe? 

Vor zwei Jahren begannen sie ein Projekt mit 13 Künstlern, die sich Gedanken über die kulturellen, ökonomischen und sozialen Folgen der großen Wanderung speziell entlang des Wegs aus Westafrika nach Europa machen sollten. Jetzt sind die ersten Ergebnisse dieser Suche in der Berliner Ifa-Galerie in der Linienstraße und im Freiraum in der Box-Galerie zu sehen. Man sollte, wenn man hingeht, durchaus etwas Zeit mitbringen.

Denn es sind Perspektiven, über die in der großen Debatte über „die Flüchtinge“ wenig debattiert wird. In der Boxhagener Straße hat Patrick Joel Tatcheda Yonkeu auf eine große blaue Scheibe Lautsprecher gerichtet, aus denen mit geradezu niederwalzender Kraft Klänge von afrikanischen Straßen erschallen.

Der Vorgang des Widerhallens verweist auf die Untrennbarkeit von Vergangenheit und Gegenwart. Man kann das Schöne sehen, aber die Sklaverei steckt ebenso dahinter wie der Kapitalismus, der die Globalisierung antreibt. Aber gibt es gar keine Verantwortung der afrikanischen Eliten für die Katastrophe?

Auch andere Arbeiten irritieren, etwa die von Mario Pfeifer und dem Rapper und Aktivisten Negga Dou Tamba: Eine mit scharfem Rap vorgetragene Huldigung des scheinbar einfachen Landlebens, der Arbeit mit dem Wasser und der Erde, kann man als Aufforderung zur Selbsthilfe lesen. Oder aber als romantischen, an der Realität der meisten Afrikaner meilenweit vorbeischreitenden Idealismus, der an die in Deutschland schon zur Kaiserzeit und weit über die Adenauer-Zeit hinaus aktiven reaktionären Großstadtfeinde mit ihrem Kult um Familie, Clan und Scholle erinnert.

Eine Brücke von Senegal nach Europa 

Geradezu nüchtern historisch ist daneben die Installation von Judith Raum. Einige luftig gespannte Fischernetze im Saal an der Linienstraße, dahinter blaue Lichtstreifen und ein über Kopfhörer zu erlebender Text. Die Fischereikrise an der Westküste Afrikas hat ihre Ursache auch im Aufbau einer systematischen Großfischerei zu französischen Kolonialzeiten. Hier wird die Vieldeutigkeit des kolonialen Systems klar.

Es sollte der Versorgung der Menschen in Europa, aber auch in Afrika mit mehr Proteinen dienen – und zerstörte dafür die Natur. Die scheinbar so klare Trennung zwischen Gut und Böse, Ausbeutern und Ausgebeuteten, Tätern und Opfern, Kapitalismus und irgendwas anderem erhält hier jene Grautöne, aus denen die menschliche Geschichte tatsächlich besteht.

Kaum netter ist Alberto Amorettis und Giovanni Häninnens Installation in der Boxhagener Straße, die mit Interviews und Fotos eine Brücke von Senegal nach Europa schlägt. Die beiden Künster haben Menschen aus Tamba in Senegal zu ihren Hoffnungen befragt, der Sehnsucht nach einem besseren, friedlicheren, sicheren Leben auch für die Kinder. Welche Flüchtenden in Mittel- und Osteuropa hätten 1945 nicht exakt die gleichen Worte genutzt, als sie sich auf den langen Treck Richtung Westen machten? Es geht um die Flucht selbst, aber auch um den Schock der Ankunft in Italien, die gnadenlose Ausbeutung, das trotzdem fast unglaubliche Verständnis der aus Afrika Geflohenen für die Ängste jener Italiener, die sich dem Wandel ihres Straßenbilds ausgesetzt sehen.

Und die Enttäuschung vieler Flüchtender, dass Europa kein Interesse an den Menschen hat, die doch ihre Energie gezeigt haben, ihre Lebenslust, ihre Dynamik – all das, was der alt und steif gewordene Kontinent so dringend braucht.

Wandern ist keineswegs eine afrikanische Angelegenheit 

Und doch: Je mehr der Kunstwerke man betrachtet, desto größer wird das Unbehagen. Dieses Projekt stellt sich ungewollt in den Zusammenhang einer gerade von europäischen Nationalisten und Rassisten vorangetriebenen allgemeinen Debatte, die Wanderungsbewegungen als ein spezifisch afrikanisches Problem behandelt.

Dabei ist das Wandern keineswegs eine afrikanische Angelegenheit, wie der Blick in die jüngere Geschichte Europas, Indiens, Nord- und Südamerikas, Chinas etc. zeigt. Vielleicht gehört Wandern sogar zum Menschsein an sich.

Deutlich wird das nicht zuletzt in der direkten Umgebung der Ausstellungen, in Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Sie sind durch Wanderungsbewegungen der allerjüngsten Zeit massiv neu geprägt worden. Nur deswegen, weil die Wandernden meistens weißer Hautfarbe waren und oft deutsche oder englische Dialekte sprachen, nahmen wir diese Veränderung nicht als Wanderungsfolge war.

Mich würde schon interessieren, was aus Afrika stammende Künstler über diese Italiener und Araber und Schwäbischen Bäckereien mitten im berlinischen Berlin denken.

Seeds for Future Memories, bis 18.8., Ifa-Galerie und Freiraum in der Box