„Eine Art Gruppenquarantäne“: Max Hubacher, Hannah Herzsprung, Julia Jentsch und Maresi Riegner am Set von „Monte Verità“.
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Locarno„Was, du fährst an ein Filmset? Sind die denn nicht hermetisch abgeriegelt?“ Die erstaunte Reaktion einer Kollegin war durchaus berechtigt. Und doch sind wir hier in den Schweizer Bergen oberhalb von Locarno, wo auf einer Wiese zahllose Trucks, Vans, Zelte, Caravans und eine große Kulisse aufgestellt sind: das Set von „Monte Verità“, einer deutsch-österreichisch-schweizerischen Produktion mit  dem, was man Starbesetzung nennt: Julia Jentsch, Hannah Herzsprung, Max Hubacher und Joel Basman.

Erzählen soll der Film die Geschichte einer frühen Aussteigerkultur, die in den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts den Traum einer liberalen, kreativen, humanistischen Gesellschaft lebte. Hermann Hesse und auch die Tänzerin Isabella Duncan waren über Monate zu Gast im Tessiner Sanatorium. Hier sollten Körper und Geist im Einklang mit der Natur heilen, hier war vegane Ernährung schon vor mehr als 100 Jahren angesagt. Hier legten die Aussteiger nicht nur ihre Kleidung ab, sondern auch das enge geistige Korsett ihrer Zeit.

Aber Drehen in Zeiten, in denen ein potenziell tödliches Virus grassiert – wie geht das? Mit extrem viel Vorsicht und Umsicht, mit durchdachten Maßnahmen, nicht zuletzt mit Disziplin und auch Vertrauen. Mindestens 422 deutsche Filmprojekte in unterschiedlichen Produktionsphasen sind und waren von den Auswirkungen der Covid-19-Pandemie betroffen, meldete vor kurzem die Spitzenorganisation der Filmwirtschaft e.V. Um trotz der bleibenden Bedrohung durch das Virus drehen zu können, haben der„ Monte Verità“- Regisseur Stefan Jäger und die Produzentin Katrin Renz ein Konzept erarbeitet, mit dem sich Cast und Crew über die sechs Wochen Drehzeit optimal geschützt fühlen.

Bevor der Dreh losging, wurden alle angereisten Schauspieler getestet und verbrachten anschließend fünf Tage in Quarantäne. Die wichtigste Maßnahme vor Ort war dann die Aufteilung in Gruppen, erklärt Katrin Renz. Die, die am Set am meisten miteinander zu tun haben, bilden eine „Bubble“, wie es spielerisch genannt wird, die Schauspieler zum Beispiel mit den Maskenbildnern und der Garderobe. „Durch die Aufteilung in insgesamt sieben Gruppen sind die Kontakte festgelegt, und sie sind vor allem: übersichtlich“, begründet Katrin Renz diese Strategie.

Innerhalb dieser Gruppierung darf arbeitsbedingt auch mal kurz der Mindestabstand unterschritten und der Mundschutz abgenommen werden. Selbst die Mahlzeiten sind kein Get-together wie sonst üblich, sondern werden streng innerhalb der Gruppe eingenommen. Der Kontakt zu allen anderen am Set soll so auf ein Minimum reduziert sein. „Zuerst standen wir durch Corona unter Druck“, sagt die Produzentin, „aber jetzt steht der Dreh doch unter einem glücklichen Stern. Wir fanden ein Zeitfenster, wo alle Hauptdarsteller Zeit hatten – sonst hätten wir mit dem Dreh ins nächste Frühjahr gehen müssen. Jetzt hat dieser Dreh so eine besondere Energie, weil wir alle so große Lust haben auf diesen Film.“

Jeder, der ans Set kommt, ob Außenstehende wie Journalisten, Schauspieler oder Fahrer, bekommt als Erstes eine Fieberpistole an die Stirn gehalten. Wir hören ein barsches „Darf ich?“, kurz darauf ein zufriedenes „Genau 36 Grad“. Benjamin, der Corona-Beauftragte am Set, nimmt seine Verantwortung sehr ernst. Besser so. Jeder Ankömmling wird von ihm namentlich erfasst, aufgelistet mit An- und Abfahrtszeit und ausführlich nach Risikokontakten und Symptomen befragt. Ist das getan, betet Benjamin einen Aufklärungs- und Maßnahmenkatalog herunter: immer Zwei-Meter-Distanzen zu anderen Menschen einhalten und niemanden berühren, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Überall über die malerische Wiese verteilt, auf deren Mitte eine Villenkulisse prangt, stehen Desinfektionsgel-Spender herum. Natürlich verfügt Benjamin auch über ein ganzes Arsenal an Masken. Er wacht genau darüber, dass ja niemand die unsichtbare Gefahr vergisst, die durch die Lüfte schwirrt. Sobald eine Szene im Kasten ist und es „Cut“ heißt, kommt der Mund-Nasen-Schutz wieder aufs Gesicht. „Die Schauspieler dürfen ihre Masken erst abnehmen, wenn sie fertig geschminkt im Kostüm vor die Kamera gehen“, erklärt Benjamin das Prozedere. „Die Make-up-Leute sind mit Maske, Visier und Handschuhen ausgerüstet, während sie die Schauspieler schminken.“ Klar, die sind am nächsten an den Schauspielen dran. „Richtig, aber grundsätzlich haben alle Departments ihre Desinfektionsmittel, genau so müssen alle Flächen regelmäßig desinfiziert werden.“ Harsche Maßnahmen, aber niemand muckt, jeder hält sich gern daran – und ist froh zu drehen.

Die Zusatzkosten, die das Coronavirus verursacht, belaufen sich auf etwa 700.000 Euro, immerhin etwa zehn Prozent des Gesamtbudgets. Crew und Cast werden weiterhin einmal wöchentlich getestet, alle Externen nicht. Während der gesamten Drehzeit wohnen die Schauspieler in Privatwohnungen, oft mit ihren Familien, kochen auch zu Hause, um den Kontakt zur Außenwelt auf einem Minimum zu halten. Kompliziert ist das Handling der vielen Komparsen. Sie haben die meisten Kontakte ins wirkliche Leben, durch ihre Familien und ihren Alltag in den umliegenden Dörfern und Städtchen. Sie müssen ihre Masken durchgehend tragen.

Eigentlich sollte es bereits im Juni mit den Dreharbeiten losgehen, berichtet Julia Jentsch. „Vor Drehbeginn war das Problem, dass sich ständig irgendetwas geändert hat, weil es täglich neue Informationen gab. Die Vorgaben und Regelungen wurden dauernd angepasst. Das regelmäßige Testen, das tägliche Fiebermessen – es ist alles sehr ungewohnt. Sogar beim Essen dürfen wir nur zu zweit am Tisch sitzen. Man darf sich nicht berühren und umarmen. Gleichzeitig freue ich mich, dass ich überhaupt wieder arbeiten kann! Und dass dieses Projekt, das so lange geplant wurde, stattfinden kann!“ Das Restrisiko ist der Schauspielerin bewusst. „Wir hoffen alle, dass wir bis zum Ende durchkommen!“

Besonders wichtig ist die Einhaltung des Protokolls für Max Hubacher und Hauptdarstellerin Maresi Riegner, einer Neuentdeckung vom Burgtheater. Diese beiden müssen als Liebespaar die intimsten Szenen des Films liefern. „Für mich ist die körperliche Nähe kein Problem“, sagt Max Hubacher, „weil unsere Bubble ja eine Art Gruppenquarantäne bedeutet. Das Ganze wäre komplizierter, wenn ein Schauspieler gleichzeitig an zwei Projekten arbeitet und an beiden Sets Liebesszenen zu drehen hätte. Dann müsste dazwischen eine Vorsichtspause liegen. Man muss halt die Risiken, so weit es geht, minimieren.“

Um überhaupt Interviews von Auge zu Auge, aber unter sicheren Bedingungen führen zu können, wird findig improvisiert. Julia Jentsch setzt sich in einen der Vans, öffnet alle Fenster, damit die Luft zirkulieren kann, wir stehen zwei Meter entfernt in der Tür. Mit dem Regisseur Stefan Jäger sitzen wir auf einer Bierbank, an den entgegengesetzten Enden. Max Hubacher zeigt uns einen Tisch hinter seinem Trailer, an dem man ausreichend Abstand halten kann. Und alles findet unter freiem Himmel statt, so wie der gesamte Tessin-Dreh. Die Innenaufnahmen im Studio werden bewusst zuletzt gedreht. Einer der Chefs des deutschen Verleihs DCM, Dario Suter, war eigens angereist, um zum Drehstart zu gratulieren. „Endlich darf wieder für die Kinoleinwand gearbeitet werden!“, freute er sich sichtlich, „das ist auch ein wichtiges Signal für die gesamte Kinobranche.“

Der Regisseur Stefan Jäger hatte das Thema „Monte Verità“ schon länger im Kopf. „Oder besser gesagt in der Seele und im Herzen“, sagt er lachend. Den Ort hat er bereits als Teenie besucht und empfindet ihn seitdem als magisch. „Die Natur da oben verzaubert einen. Der Berg verursacht eine innere Ruhe. Geologisch ist es nachgewiesen, dass sich hier eine Art Knotenpunkt von Energien befindet. Daher laufen auch so viele Wünschelrutengänger herum, angeblich schlägt hier alles aus.“

Von Januar bis zum Lockdown hatte Jäger alle wichtigen Vorbereitungen erledigt, die Kulisse in Auftrag gegeben, die Locations gefunden, um sofort bereit zu sein, im Spätsommer oder Herbst drehen zu können. Der Lockdown selbst wurde mit Zoom zu Besprechungen und Vorbereitungen von Cast und Crew genutzt. Mit Blick über die weitläufige Lichtung sagt der Regisseur: „Dass wir die meiste Zeit draußen stehen, gibt uns ein Gefühl von Sicherheit. Wir sind unter uns, daher fühlen wir uns sehr beschützt. Ich sehe seit 20 Tagen keine anderen Menschen, der Cast auch nicht. Die nehmen das alle sehr ernst.“ Ein Schauspieler hat sich sofort testen lassen, als er hörte, dass einer seiner Freunde, den er traf, kurz zuvor in einem Club war. „Auch die privaten Kontaktpersonen unserer Schauspieler sagen ganz ehrlich, ob sie ein Risiko darstellen könnten“, berichtet der Regisseur.

Der größte Aufwand, den das Drehen unter Corona verursacht, liegt auf dem Rücken der Produktion, weiß Stefan Jäger. „Die Frage war ja: Streichen wir jede Kuss-Szene aus dem Skript oder können wir mit genügend Vorlauf und Tests trotzdem drehen? Mit den von uns gefundenen Lösungen können wir vor der Kamera alles umsetzen, was wir uns vorgestellt haben. Aber das geht nur, wenn und weil wir alle an einem Strang ziehen: immer wieder testen, alle Kontakte einschränken und penibel auf Symptome achten. Auch die Familien unserer Schauspieler lassen sich testen, selbst die Babysitter, die auf die Kinder aufpassen.“

Überhaupt herrscht eine noch familiärere, eng verbundenere Situation als üblich beim Dreh, der bis Mitte Oktober noch nach Wien, dann weiter nach Köln in die MMC-Studios geht. Freitag ist Drehschluss. Es ist keiner infiziert. Alle bis zum Ende durchgekommen. Stefan Jäger sagt: „Diesmal waren wir nicht nur eine Set-Familie, sondern eine Schicksalsgemeinschaft.“