Am Montag sind Diebe in die Juwelenkammer der Dresdner Grüne Gewolbe eingebrochen. 
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DresdenHerr Bischof, die Diebe in Dresden haben offenbar genau gewusst, wonach sie suchen. Spricht das für einen Auftragsraub, vielleicht zugunsten eines reichen Sammlers?

Die Vorstellung, dass so ein Diebstahl in Auftrag gegeben wird von einem vermögenden Kunstliebhaber und der das dann sein restliches Leben lang in seinem Keller anstarrt, ist einigermaßen romantisch.

Aber auf dem grauen Kunstmarkt ist es doch durchaus üblich, dass sich vermögende Sammler oder einfach nur sehr reiche Menschen, die Schwarzgeld waschen oder anlegen wollen, Kunstwerke kaufen, ohne den Besitz anschließend öffentlich oder wem auch immer kundzutun. Die Stücke verschwinden dann in klimatisierten Hightech-Zollfreilagern in der Schweiz oder in Luxemburg.

Das stimmt. Aber solche Stücke, wie sie jetzt aus dem Grünen Gewölbe gestohlen wurden, kann man ja nie wieder absetzen. Doch wenn ich Geld anlege, will ich auch die Möglichkeit haben, dieses Geld wieder flüssig zu machen. Das geht mit einer solch prominenten Diebesware jedoch nicht. Wo immer du hingehst, kannst du keinen reellen Preis dafür erzielen. Jeder Händler weiß, woher das kommt, weil die Stücke einmalig sind. Deshalb haben die geraubten Stücke für den Dieb in ihrer jetzigen Gestalt keinen Wert.

Wer steckt dann Ihrer Einschätzung nach hinter dem Raub in Dresden?

Aller Erfahrung nach muss man davon ausgehen, dass da eine organisierte Bande am Werk war und die Objekte für ihren eigenen Bedarf, auf eigene Rechnung, gestohlen hat.

Aber sicher nicht, um sich daran zu erfreuen.

Bestimmt nicht. Man mag gar nicht darüber nachdenken, aber es spricht viel dafür, dass die Stücke umgearbeitet werden, weil sie in ihrer jetzigen Form auf dem Markt nicht absetzbar sind. Das heißt, die Edelmetalle werden eingeschmolzen, die Edelsteine herausgebrochen und umgeschliffen. Das ist das Schlimmste, was passieren kann, weil dadurch alles unwiederbringlich verloren ist. Aber es ist leider auch das Wahrscheinlichste.

Aber wenn es den Dieben nur um den Materialwert ihrer Beute gegangen sein soll, warum haben sie dann nur eine Vitrine ausgeraubt?

Die Frage können nur die Einbrecher beantworten. Aber aus deren Sicht geht es doch darum, wie komme ich in kurzer Zeit zu Edelmetallen und Edelsteinen, die ich in irgendeiner Form relativ problemlos verwerten kann. Unweigerlich kommt einem da der Diebstahl im Bodemuseum in den Sinn. Auch deshalb, weil die Täter in Dresden offenbar ebenfalls wussten, wie sie die Alarmsysteme im Grünen Gewölbe überwinden können. Der Unterschied zum Raub im Bodemuseum ist allerdings, dass der materielle Wert der Berliner Beute deutlich den kulturellen überwog. In Dresden ist es andersrum – bei diesen Objekten liegt der Wert nicht so sehr im Material, sondern in ihrer historischen Einmaligkeit, ihrer Provenienz und ihrer Gestalt. Und in der Vollständigkeit der Stücke. Deshalb ist dieser Verlust ungleich höher einzuschätzen als der Raub der Goldmünze in Berlin.

Wäre es aber nicht auch denkbar, dass die Objekte in Dresden gestohlen wurden, um damit ein Lösegeld vom Museum oder von der Versicherung zu erpressen?

Solche Fälle gibt es in der Tat. Aber das ist sehr selten. Noch dazu, wenn es wie hier um Edelsteine geht – dann muss man doch eher befürchten, dass es den Räubern nur um den Materialwert ging.