Es ist nicht ganz ohne Risiko für einen Feuilletonisten, schon vor dem ersten Kaffee durch die sozialen Medien zu scrollen. Schwupp bleibt er am Thema Nekrophilie im Tierreich hängen, und so kann es passieren, dass er die eben in seinen Bewusstseinsstrom gespeisten Botschaften und Bilder mit der aktuellen Meldungslage verbindet. Wenn er also später die von den Agenturen verbreitete Verkündung Dieter Bohlens zur Kenntnis nimmt, nämlich dass er nach längerer Pause nun bald wieder im Fernsehen auftreten wolle und zwar mit Modern-Talking-Hits, dann kommt es nach einem ersten Schreck zu eigentlich unzulässigen naturhistorischen Metaphern und völlig abwegigen Pointen.

Aber wenn das Näschen eines Feuilletonisten erst einmal angesprungen ist und er glaubt, endlich ein Thema am Wickel zu haben, das auf breiteres Interesse stoßen könnte, dann lässt er es nicht so schnell wieder los. Da geht es ihm wie dem Schwarzweißen Teju, einem Reptil, das auf dem morgens gesehenen Foto versucht, sich mit einem Weibchen zu paaren, das schon seit zwei Tagen tot und gar nicht mehr so schwarzweiß ist. Womit sich die Nekrophilie-Metapher nun wie von selbst nicht nur auf das Bohlen-Comeback, sondern auch auf die Kulturkrise der Printmedien anwendet.

Pervers oder fruchtbringend?

Schon vor über hundert Jahren gab es Belege dafür, dass es in der Tierwelt nekrophile Verhaltensweisen gibt. Damals beobachtete der Wissenschaftler George Murray Levick bei einer Forschungsreise in der Antarktis, wie sich Pinguine reihenweise an toten Artgenossinnen vergingen. Ein perverser Irrweg der Natur, glaubte man, und Levick verschonte die Öffentlichkeit von seinen Forschungen. Erst vor zehn Jahren fand das Londoner Museum für Naturgeschichte eine Kopie seiner, um den potenziellen Mitleserkreis klein zu halten, auf Griechisch verfassten Notizen.

Aber ist Nekrophilie wirklich immer ein Irrweg? Immerhin schon fast zehn Jahre alt ist die Erkenntnis, dass Nekrophilie in der Tierwelt durchaus funktional sein kann, also zweckdienlich. Ein kleiner brauner Regenwaldfrosch namens Rhinella proboscidea verfolgt eine rabiate Fortpflanzungsstrategie. Das Weibchen verliert dabei nicht selten sein Leben, weil es ertrinkt. In dem Fall drückt das Männchen reife Eier aus dem Weibchenleib und befruchtet sie. Das ist wenig sympathisch, aber fruchtbringend. Wir verzichten auf Pointen über Schlagersänger und Feuilletonisten.