Berlin - Viele Menschen aus Berlin, aber auch viele aus anderen Teilen des Landes hatten sich am Sonnabend in der Zitadelle Spandau eingefunden, als hier Deutschlands beliebtester Simpel-Pop-Produzent, TV-Talentförderer Dieter „Power-Faust“ Bohlen auftrat, viel redete und viele Bums-Pop-Hits zu Gehör brachte, während sich knapp über der Zitadellenkulisse hinter der Bühne regelmäßig Flugzeuge beim Landeanflug auf Berlin-Tegel beobachten ließen.

„Hallo, ihr Schnuckelhasen“, sagte Bohlen. „Hallo Dieter“, erwiderte das Publikum, als gerade British Airways 994 aus London-Heathrow vorbeiflog. Auf Geld basierende Liebesbekundungen vor dem Bild eines kontrollierten Abstiegs – eine schönere Metapher für eine erfolgreiche Pop-Karriere kann man sich kaum vorstellen.

Dieter Bohlen: Modern Talking als Beginn der Trashigkeit

Nicht, dass Bohlen kommerziell gesprochen den Boden auf sich zurasen sähe, ästhetisch aber schon – obwohl er ja schon recht weit unten begann: Gerade die kalkulierte Trashigkeit von Modern Talking war es ja, die dieses Pop-Duo mit Thomas Anders so unwiderstehlich wie einen Autounfall machte; man wollte sich mit Grausen abwenden, konnte aber nicht anders, als immer wieder hinzukucken. Die Frisuren! Die lila Trainingsanzüge! Der Nebel! Die Power-Faust! Noch heute zehren Neuköllner Ironie-Hipster davon.

Wie wir wissen, hat Bohlen im Lauf der Jahre für alle möglichen Talente wie etwa „meinen geilen Freund“, den DSDS-Gewinner Mark Medlock, Hits geschrieben, die zwar alle funktionierten, aber die Fokussiertheit des Grauens, die hundertprozentige und damit äußerst subversive Destillierung des Schrotts als einzige Botschaft Modern Talkings nicht mehr haben erreichen können. Nicht, dass Bohlen nicht nach wie vor nah dran käme: So heißt sein aktuelles Werkschau-Album „Dieter Feat. Bohlen – Das Mega-Album“, hat ein eindrückliches Power-Faust-Cover, und in der Zitadelle wurden die Fans folgerichtig „Meganer“ getauft. Meganer, so Bohlen, seien einfach der Hammer, sie könnten allem etwas positives abgewinnen, sogar Durchfall.

Dieter Bohlen: 10.000 Tickets in 48 Stunden ausverkauft 

Dennoch, die volle Kaffeefahrt in die Abgründe unserer Seelen gaben und geben uns nur die Hits von Modern Talking: So musste man nur eingangs die vom Playback wummsende Basstrommel zu „You Can Win If You Want“ hören, und schon überlief einen das gruselige Sensationsschaudern von damals – so eingebrannt als konzeptuelle Gefühlstrigger sind diese Hits, dass es vollkommen egal ist, ob sie gut oder schlecht dargeboten werden; genau genommen könnte man vielleicht auch zu Hause bleiben und nur an sie denken, und derselbe Effekt würde sich einstellen.

Da nun aber zehntausend Fans in weniger als 48 Stunden, so Bohlen stolz, die Zitadellen-Tickets aufgekauft und sich auf den Weg zum Konzert gemacht hatten, hatte er sich auch richtig Mühe gegeben und eine veritable Begleitband mitgebracht, inklusive Saxofonist, der mit fachgerechtem Achtziger-Pop-Gepuste so manchen Hit weiter ins Geschmacksnirvana beförderte.

Bei den zahlreichen Nicht-Modern-Talking-Hits, die Bohlen präsentierte, war es dann schon gut, dass Musiker ornamentierten, da Bohlen zwar für andere Stimmen schreiben kann, aber singen nicht, wie man unter anderem bei der abermals vom Saxofonisten aufgewerteten Version von „Midnight Lady“ feststellen konnte. Informativ immerhin Bohlens Anekdote, wie er das Lied Rod Stewart anbot, der ablehnte, woraufhin Chris Norman von der Band Smokie einstieg und es via Schimanski-Tatort auf die Nummer eins katapultierte.

Modern-Talking-Hits wie „Cheri Cheri Lady“ und „You’re My Heart, You’re My Soul“

Auch an anderer Stelle, etwa beim im Rahmen des schwachen, da trainingsanzuglosen Comebacks von Modern Talking komponierten Formel-Eins-Lieds „Win The Race“ überzeugte vor allem der Band-Gitarrist mit Motorgeräusch-Imitationen. Zwischendurch zog Bohlen einen Arztkittel über, stieß Luftmatratzen in die Menge oder teilte Gesichtspflegetipps: Einfach einen kalten Lappen zehnmal auf die Backen hauen.

So weit, so passiv-aggressiv; doch hatte sich Bohlen fürs Ende die meisten alten Modern-Talking-Hits aufgehoben; und so konnten wir, kurz nachdem der verspätete Easyjet-Flug 5676 aus Paris-Charles-de-Gaulle den Abendhimmel durchmaß, über professionell klickernde  Simpel-Hits wie „Cheri Cheri Lady“ und „You’re My Heart, You’re My Soul“ erschaudern, in ihrem glitschig prügelnden Chauvinismus kaum zu überbieten, dennoch wippten wir mit, warum nur?