Dieter Nuhr, 60, ist um keine starke Meinung verlegen. Das beweist der Kabarettist nun schon seit vielen, vielen Jahren. Und obwohl er sein Bühnen- und Fernsehschaffen im Sinne der Aufklärung versteht, sind die Mittel seiner Wahl nicht immer nur sachangemessene Freundlichkeiten, sondern auch robust-rustikale Frechheiten mit klarer Beleidigungsabsicht. Nach seiner jüngsten ARD-Sendung „Nuhr im Ersten“ hat sich der Mann nun den Vorwurf eingefangen, er sei ein Rassist. Wie konnte das passieren?

Der Komiker hatte in der Sendung über die Autorin Alice Hasters behauptet, ihr Buch mit dem Titel „Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ sei „in den USA ein Riesenrenner“ gewesen. Dummerweise ist das Buch der deutschen Journalistin, das Nuhr seinen eigenen, leicht abfälligen Worten zufolge „auf dem Flughafen im Vorbeigehen wahrgenommen“ haben will, aber gar nicht in den USA erschienen. Seitdem kocht es in den sogenannten sozialen Netzwerken.

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Alice Hasters: „Alle Menschen sind rassistisch sozialisiert.“

Mittlerweile hat auch Nuhr eingesehen, dass es wohl besser wäre, sich zu entschuldigen oder so zu tun als ob. Auf Facebook holte er jetzt zu einer längeren Betrachtung aus. Und beginnt ganz artig: „Ich habe einen Fehler gemacht, als ich sagte ,Dieses Buch war …‘ Ich wollte sagen: ,Solche Bücher sind …‘ Diesen Fehler habe ich gemacht – und ihn selbstverständlich eingestanden, keine Frage. ,Solche Bücher sind in den USA ein großer Renner …‘ sollte es heißen.“ Was immer das dann heißen mag.

Nachdem sich Nuhr mit dieser Klarstellung ins unverbindlich Allgemeine zurückgezogen hat, fühlt er sich wieder kräftig genug, auszuteilen: Er habe sich in der Sendung „ausschließlich auf den Titel des Buches von Alice Hasters“ bezogen – und also nicht auf den Inhalt – den er damit zugibt, gar nicht zu kennen. Eben der Buchtitel sei „reißerisch“, weil er „Weiße pauschal der Unwilligkeit“ bezichtige, bestimmte Dinge wahrnehmen zu wollen. Diese Unterstellung habe er seinerseits „rassistisch“ genannt.

Kapitalismus und Populismus gehören zusammen

Und schließlich, nach dieser Tabula-rasa-Finte, lässt Nuhr noch den Aufklärer durchblicken: Er bezweifle, „dass reißerische Buchüberschriften, deren Ziel das polarisierende Skandalisieren zum Zwecke der Verkaufsförderung ist …, dazu beitragen, die Verhältnisse zu ändern. Sie geben dies vor, führen aber im Ergebnis zu einer Verhärtung der Fronten.“ Nach dieser Klarstellung, in der Kapitalismus (Verkaufsförderung) und Populismus (reißerisches Skandalisieren) zusammengefunden haben, setzt Nuhr aber noch einen drauf.

Ihn störe, so schreibt er, dass es heute einen „ideologisierten akademischen Prozess“ gebe – und lässt damit einen Hauch populistischer Verve gegen akademische Eliten anklingen. So werde ein gebräuchlicher Begriff wie Rassismus erst neu definiert („Weiße können aufgrund der Kolonialgeschichte keinen Rassismus erfahren“) und dann werde anderen vorgeworfen, sie hielten sich nicht an die Definition. Ein akademischer Taschenspielertick also. Nuhr betont, dass seine Verwendung des Begriffs diejenige des „Umgangssprachlichen“ sei.

Wir fassen zusammen: Mit Populismus (Umgangssprache, gemeiner Menschenverstand) geht Nuhr gegen Academia (ideologisch, neu definiert) vor. Ob das hilft? Die so zurechtgewiesene Autorin Alice Hasters antwortete kurz nach Nuhrs Facebook-Post per Twitter: „Ich habe nie behauptet, dass weiße Menschen rassistisch sind, weil sie weiß sind. Alle Menschen sind rassistisch sozialisiert, weiße Menschen sind durch Rassismus privilegiert. Das ist es, was sie oft nicht hören wollen, aber wissen sollten.“

Und dann weist Hasters den Mann noch ganz akademisch daraufhin, dass das Wortetikett „weiß“ wie „alle anderen Rassifizierungen auch, ein soziales Konstrukt und kein biologischer Fakt“ sei. „Ob man in die Kategorie ,weiß‘ fällt, kann kontextabhängig sein. Auch ich kann in manchen Kontexten weiß sein. Dieter Nuhr ist in jedem Kontext weiß.“ Hätte der Nuhr doch nur den Buchinhalt und nicht nur den Buchtitel „im Vorbeigehen“ zur Kenntnis genommen …

Jennifer Lopez, 51, hat ebenfalls etwas zum Thema Rassismus beizutragen, erweiterte es allerdings klugerweise gleich um den Aspekt Feminismus und landet somit bei einem ganz geschmeidig formulierten Ansatz. Bei den „People‘s Choice Awards“ in Santa Monica, wo die Sängerin als „Ikone des Jahres“ ausgezeichnet wurde, formulierte sie das Kriterium, wonach sie ihren eigenen Erfolg messe: „Es besteht darin, Mädchen aller Altersgruppen und aller Hautfarben aus der ganzen Welt zu inspirieren, zu wissen, dass man alles tun kann, was man will, … und stolz darauf zu sein, wer man ist, ganz gleich, woher man kommt.“

Gut und auch etwas eigennützig gesprochen. Zur Begründung für den Preis hieß es entsprechend euphorisch: „Jennifer Lopez hat eine unübertroffene globale Anziehungskraft und hat uns seit mehr als zwei Jahrzehnten einige der kultigsten und unvergesslichsten Auftritte aller Zeiten beschert.“ Weitere Stars, die mit dem „People‘s Choice Awards“ ausgezeichnet wurden, sind Jennifer Aniston, 51, und Melissa McCarthy, 50.