Was für ein herrlich nervtötender Dada-Mix aus Bach, Schubert, Beethoven, zwölftönendem Schönberg, aus Rock – und dazwischen, auf Zimpelchen intoniert, auf der Kinder-Triola und Mundharmonika gespielt, „Alle meine Entchen und „Hänschen klein, ging allein ...“ So etwas erklang in den Rieckhallen am Hamburger Bahnhof nun wirklich noch nie. Eine faszinierend schräge, skurrile, verspielte Kakophonie aus Sinfonie-Fetzen, verballhornten Klavierstücken und Geigensolis, schrillen Riffs, sinnlichen Beats, tiefen Orgeltönen, aus Bässen, Trommel-, Paukenschlägen – und Kinderliedchen.

In sämtlichen Hallen – auf 3000 Quadratmetern – tönt, vibriert, summt und brummt es aus Lautsprechern, die in bizarre Installationen einmontiert sind. Diese „Kompositionen“ des Schweizer Kunst-Universalisten Dieter Roth, geboren 1930 in Hannover, gestorben 1998 in Basel – Maler, Dichter, Musiker, Aktionskünstler, Filmer, Schokoladen-und Schimmel-Bild-Macher – materialisieren sich in dessen malerischen Assemblagen: Das sind in dieser unbeschreiblichen Riesenschau des Kunsthauses Zug/Schweiz etwa ganze (Musik & Trink) Bars aus massigen Schanktischen, Sperrholzregalen, darauf mit dicker Farbe übergossenen Schallplatten, Kassetten, Lautsprechern, Tonspulen, Radiogeräten, Videokameras und (kaputten) Musikinstrumenten wie Keyboards, Geigen, Trompeten, Hörner, Spielzeug, Kühlschränke. Daneben gestapelt: ausgetrunkene Schnapsflaschen, leere Gläser – und Aktenordner. Dazu gesellen sich reichlich Collagefetzen aus Zeitungen, Fotos, Grafiken, Notenblöcke.

Kunstchamäleon Dieter Roth

Exemplarisch für das Kunstchamäleon Dieter Roth ist ja, dass seine Werke von einem großen Publikum bis heute eher als Zumutung erlebt werden. Als etwas, das ohne Rücksicht auf Genregrenzen, gar Verluste an Tradition und Konvention entstand. Alles wurde von ihm mit Allem spielerisch und provozierend vermixt. Etwa die legendäre „Langstreckensonate“ von 1978, mit der sich echte Fans gern 36 Stunden Lebenszeit stehlen lassen. Auch diese „Zumutung“ ist in den Hallen zu hören.

Typisch für Roth ist, neben den berühmten Bar-Installationen, gerade das hier abgebildete „Stumme Relief“ von 1984/88. In einem aufgeklappten Geigenkasten entfalten Abfälle, Zeichner-Utensilien, Farbmarker, und eine zerbrochene Violine mit zerrupften Saiten und deren Bogen ein merkwürdig trash-poetische Ästhetik. Dickflüssig wurde das Arrangement von dem obsessiven Musik-Dilettanten Roth übergossen mit Acrylfarbe: Grün, Braun, Ocker, Weiß, Blau. Tragikomisch, zum Heulen wie zum Lachen mutet das seltsame Objekt an. Zum Vanitas-Symbol wird die eingesargte Violine. Fröhlich hingegen stimmt Roths verrückter, kindlicher, paradoxer Versuch, Musik – Immaterielles also – zum Bildwerk gerinnen zu lassen. Das geniale Scheitern als Prinzip.

Hamburger Bahnhof, Invalidenstr. 50/51 (Rieckhallen). Bis 16. August, Di,Mi,Fr 10–18/Do 10–22/Sa+So 11–18 Uhr. Begleitprogramm: www.smb.museum/hbf. Im Verlag Edizioni Periferia erschien „Dieter Roth und die Musik“, 39,80 Euro.