Dietrich Brüggemann: Wir leben in dem Theaterstück: Berlin, die coole Szenestadt

Der Regisseur Dietrich Brüggemann hat einen Roman geschrieben. Ein Gespräch über die Berliner Flohmarkt-Hipster-Ästhetik, aber nicht über die Impfpflicht.

„Wer eine Wohnung hat, gibt sie nicht mehr her“: Dietrich Brüggemann.
„Wer eine Wohnung hat, gibt sie nicht mehr her“: Dietrich Brüggemann.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Der Regisseur Dietrich Brüggemann sitzt in einem Stuhl vor dem Eingang zum Café mit dem etwas großspurigen Namen „Lebenswelten“, es ist das Besuchercafé im Humboldt-Forum auf der Museumsinsel. Vor ihm die wieder errichtete Schlossseite, hinter ihm der moderne  Trakt im Plattenbaustil. Das Gebäude wurde erst vor rund einem Jahr eröffnet, und es sieht noch immer sehr neu aus. Der 46-Jährige ist gut gelaunt, freut sich, dass in dieser Woche sein Buch endlich erscheinen wird: „Materialermüdung“.

Brüggemann ist nicht nur als Regisseur preisgekrönter Filme („Neun Szenen“, „Kreuzweg“, „Nö“) bekannt geworden, sondern auch, weil er im April 2021 unter dem Hashtag #allesdichtmachen die Corona-Maßnahmen kritisierte. Das brachte ihm damals einen Shitstorm ein. Doch darüber möchte er momentan gar nicht sprechen. Lieber über seinen Roman. Auf knapp 500 Seiten werden mehrere Menschen Ende 30 vorgestellt, die nicht nur ihre Beziehungen und Freundschaften beenden wollen, sondern auch live dabei sind, als die gesamte Erde untergeht. Es ist ein Roman über unzufriedene Großstädter, deren Welt immer mehr von Twitter, Amazon und Tinder bestimmt wird.

Berliner Zeitung: Wir sitzen hier im Humboldt-Forum. Was halten Sie von diesem Platz?

Dietrich Brüggemann: Ich fand es schon immer merkwürdig, ein historisches Gebäude abzureißen und an die Stelle ein fake-historisches Gebäude hinzustellen. Man kann hier die ganz große Metapher aufmachen: Was fällt Deutschland zu sich selber ein? Ein altes, monarchistisches, wieder aufgebautes Schloss als starkes Zeichen für unsere wehrhafte Demokratie. Ich verstehe es nicht.

Zur Person
Dietrich Brüggemann, geboren 1976 in München, studierte Regie an der Hochschule für Film und Fernsehen in Potsdam. Für „Kreuzweg“ erhielt er gemeinsam mit seiner Schwester Anna 2014 den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. Im April 2021 war er Mitinitiator der Aktion #allesdichtmachen, in der rund 50 Film- und Theaterschaffende die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie kritisierten.

Also es gefällt Ihnen nicht?

Irgendwie ist es ja schön, aber in der Sprache des Stadtmarketings gesprochen: Was wäre der Palast der Republik für ein Touristenmagnet gewesen? Berlin steht doch für die Gräben und Verwerfungen der Geschichte. Das ganze 20. Jahrhundert ist hier durchgetrampelt. Und die Spuren davon, die macht man weg? Eine der wenigen Demos, auf denen ich mal in meinem Leben war, war 2007 oder 2008 für die Rettung des Palastes der Republik.

Auf dem Cover Ihres Buches ist ein zerbrechender Fernsehturm zu sehen. Warum musste er fallen?

Ja, es ist natürlich ein architektonisches Symbol der Stadt, was da in sich zusammenbricht. Wir leben in einer Berliner Republik, insofern ist es auch ein architektonisches Symbol unseres Landes und vielleicht auch der ganzen Welt. Der Turmbau und dessen Einsturz, das ist ja ein altes Motiv. Es wie wie beim Humboldt-Forum: Gebäude haben eine Aussage.

Wie ist Ihre Beziehung zu Berlin?

Die hat sich verändert. Als wir 2011 den Film „3 Zimmer/Küche/Bad“ drehten, war das schon damals ein Abgesang auf das Thema „Billig wohnen in Berlin“. Das erste Mal in in dieser Stadt war ich im Sommer 97, da hatte ich mich für Filmkomposition an der Hanns Eisler (Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ Berlin, Anm. d. Red.) beworben. Ich bin damals durch die Stadt gefahren, und alles war eine Baustelle: überall Lärm, Dreck, Radau. Man wurde nur angeschrien. Ich fand es unerfreulich.

Aber Sie sind geblieben …

Ja, ich habe dann im Jahr 2000 angefangen, an der HFF (Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ Potsdam Babelsberg, Anm. d. Red.) zu studieren und fand es super. Wir haben im Wedding gewohnt, dann in Kreuzberg. Irgendwann nach dem Sommermärchen 2006 hat sich etwas verändert. Da kamen Expats und Amerikaner, dann irgendwann sind die Immobilienpreise in die Höhe geschossen, man kennt ein paar Leute, die sich eine Wohnung gekauft haben, die anderen wohnen halt immer weiter zur Miete, die Stadt wird immer garstiger, und inzwischen fühle ich mich fast wieder wie damals 1997.

Warum wohnen Sie noch in Kreuzberg?

Wer eine Wohnung hat, gibt sie nicht mehr her. Es ist auch durchaus schön hier. Aber ich sehe in der Stadt immer mehr Folklore. Eine Theateraufführung, ein Stück namens Berlin, die coole Szenestadt. Das wird für Touristen gemacht, diese Flohmarkt-Hipster-Ästhetik. Man fühlt sich wie ein Konsument in einem riesigen Warenhaus, wo alles ein bisschen zu teuer ist.

Also bald weg hier?

Ich war vor einigen Jahren zum „Tatort“-Dreh in Frankfurt. Die Stadt ist überhaupt nicht im Fokus des internationalen Tourismus. Und interessanterweise kann gerade im Schatten dieser Banken-Business-Welt eine Subkultur gedeihen, die mir sehr gut gefallen hat. Die Clubs machen Party für die eigenen Leute und nicht für Massen, die durchgeschleust werden. Auch Leipzig und Dresden finde ich hoch spannend.

Wo in Berlin entsteht dieses Heimatgefühl?

Überall dort, wo man nicht nur Konsument ist, sondern ein mitgestaltender Teil vom Ganzen. Aber genau dieses Gefühl kann dann wieder als Ware verpackt und verkauft werden. Das wird ja in meinem Buch beschrieben, dazu gehört auch der Vintage-Wahn in der Musikszene, wo alle auf alte Geräte und alte Sounds versessen sind. Es gibt nur noch Bands, die klingen wollen wie Bands von vor 20, 30 oder 50 Jahren. Aber es ist ja das exakte Gegenteil von Pionierarbeit. Nicht „Wir gehen wo hin, wo noch keiner war“, sondern „Wir gehen genau da hin, wo andere schon vorher waren“.

Bei aller Berlin-Kritik im Buch beschreiben Sie weiter hinten das Maybachufer sehr liebevoll. Die Hauptfigur Maya geht dort einkaufen, und die Verkäufer erkennen sie und sind nett. Ist das noch ein guter Ort?

Ja, da kriegt Maya etwas geschenkt auf dem Maybach-Markt, aber vor allem auch, weil sie eine schöne junge Frau ist. Wichtig für Berlin finde ich das Tempelhofer Feld. Diese Volksabstimmung war damals ja ein interessanter Moment, weil die Leute endlich einmal zeigten, dass in Berlin eben nicht jeder Investor irgendwen bestechen kann und sich so ein Stück der Stadt greifen kann. Eine der schönsten Stellen Berlins ist da, wo man vom Schillerkiez reinkommt und von einer kleinen Anhöhe aufs Feld schaut. Das sieht am Nachmittag oft so aus wie ein Gemälde von Pieter Bruegel.

Sie entwerfen viele Charaktere, und es fällt auf: Obwohl sie alle in schwierigen Umständen leben – komplizierte Eltern, prekäre Arbeitsverhältnisse, wackelige Beziehungen – werden alle fast liebevoll gezeichnet.

Danke für das Kompliment, das bedeutet mir viel. Darum geht es mir eigentlich immer: maximalen Humanismus auszubalancieren mit maximalem Sarkasmus. Man muss die innersten Impulse, den Lebenswillen, die Eigenheiten und auch die Liebe, die in jedem drinsteckt, anerkennen und ernst nehmen. Ich finde, jegliche Kunst, egal ob Literatur, Film oder Journalismus, gehört zu den wichtigsten Dingen, die unsere Zivilisation hervorgebracht hat. Sie gibt uns die Möglichkeit, aus uns selbst herauszutreten, also das Gegenteil von „Sei ganz du selbst“, nämlich „Sei jemand vollkommen anderes“. Wenn du das mitnimmst in deine eigene Existenz, dann hast du mehr Verständnis für die Vielgestaltigkeit unserer menschlichen Lebenserfahrung.

„Es hat mir eine diabolische Freude gemacht, jemanden als absoluten Buhmann zu präsentieren “: Dietrich Brüggemann.
„Es hat mir eine diabolische Freude gemacht, jemanden als absoluten Buhmann zu präsentieren “: Dietrich Brüggemann.Berliner Zeitung/Paulus Ponizak

Alles andere ist Kitsch?

Es gibt neben dem süßlichen Kitsch, den wir alle aus Vorabendfernsehen und Postkartensprüchen kennen, eine zweite Sorte. Ich würde das als sauren Kitsch bezeichnen. Auf den fallen gerade Intellektuelle, Akademiker und Medienleute gern herein. Saurer Kitsch greift eine falsche Emotionalität ab, ist aber am Ende nur betroffen von der eigenen Betroffenheit. Als Film gewinnt man damit oft Preise. Aber es geht nicht in die Tiefe.

Welche Filme meinen Sie da?

Ich möchte ungern schlecht über Kollegen reden.

Disney?

Das kann man so pauschal nicht sagen, die Filme sind ja auch irgendwie ziemlich unerschrocken, gerade die Älteren sind großartig. Bambi ist erstaunlich brutal.

König der Löwen?

Ich muss gestehen, dass ich den nie gesehen habe. Vielleicht ist es süßer Kitsch, ich weiß es nicht. Sauer wäre dann der Festival-Preis-Abräumer, wo ein ganz schlimmes Migrationsdrama gezeigt wird und Lachen verboten ist.

Bekommt man andere Filme überhaupt noch finanziert?

Am leichtesten geht eine Mainstream-Komödie mit buntem Plakat.

So wie „Liebesdings“?

Was ist das?

Ein deutscher Film, recht erfolgreich, mit Elyas M’Barek ...

Es ist bestürzend, was alles an mir vorbeigeht. Ich bin übrigens ein großer Freund von gut gemachten, temporeichen Komödien. Ich mag aber auch eigenwillige Filme, wie es in den 90ern viele gab. Aber die gehen, wenn überhaupt, dann am ehesten als Bestsellerverfilmung.

Lesen Sie noch Zeitung?

Tatsächlich wenig, meist auf dem Mobiltelefon. Aber ich habe das Gefühl, alles, was wichtig ist, krieg ich sowieso mit, über andere Kanäle.

Im Buch attestieren Sie unserer Gesellschaft eine komplette Verlagerung ins Internet: Einkaufen-Amazon, Filme-Netflix, Liebe-Tinder.

Ich versuche, zu beschreiben, was passiert. Darin sehe ich auch eine der Aufgaben der Kunst, der Literatur und auch des Films: Das beschreiben, was vor der eigenen Nase tatsächlich stattfindet. Und das ist gar nicht so einfach, denn wir leben nicht nur in Fakten, sondern vor allem in Geschichten, Narrativen, man könnte auch sagen: Illusionen. Die Komödie beschreibt das Zusammenprallen dieser Illusionen mit der Welt, wie sie tatsächlich ist. Wir Menschen sind Gruppenwesen, wir brauchen Geschichten. Ich sehe das auch daran, wie meine Neffen an den Lippen ihrer Oma hängen, wenn sie Familiengeschichten von anno dunnemals erzählt. Meine Neffen saugen das in sich auf. Warum? Weil es das ist, was uns konstituiert, im Guten wie im Schlechten. Aber wir brauchen auch die Kunst, die uns gelegentlich das Brett vorm Kopf wegnimmt.

Und jede Zeit hat ihre Geschichten?

Na klar. Jede Zeit hat ihre Illusionen und ihre Tabus. Und die Kunst ist auch dafür zuständig, mit einem Skalpell den Blödsinn von den realen Verhältnissen zu zu trennen.

Macht das nicht der Journalismus auch?

Natürlich, wenn er es gut macht und sich als solcher versteht. Die Welt in Worten zu beschreiben, das erzeugt ja in sich schon eine ganz große Grauzone.

Der Spiegel-Journalist Claas Relotius hat diese überschritten und damit auch dem Journalismus insgesamt geschadet...

Der Fall Relotius ist wirklich interessant, weil da jemand aus Narrativen und Illusionen etwas destilliert und dann unter falschem Label als Beschreibung der Welt verkauft hat. Dass er damit durchkam und erfolgreich war, ist ein wahnsinniges Warnsignal. Wir sollten über unseren Blick auf die Welt nachdenken, wenn er dazu führt, dass wir solchen Sachen auf den Leim gehen. Relotius’ Texte sind übrigens auch ein Paradebeispiel für sauren Kitsch.

Eine gute Überleitung zum Thema Verschwörungstheorien, die ja auch immer wieder auftauchen in Ihrem Buch.

Der Begriff Verschwörungstheorien ist ungeheuer aufgeladen. Es ist ein solcher Kampfbegriff geworden, von so vielen Seiten mit Bedeutungen überfrachtet. Ich finde es schon problematisch, das Wort überhaupt in den Mund zu nehmen.

Dann vielleicht so: Eine Person im Buch glaubt an Zusammenhänge, wo keine sind.

Es hat mir eine diabolische Freude gemacht, jemanden als absoluten Buhmann zu präsentieren, und am Ende hat er recht, also es passiert, was er vorausgesagt hat: die Zerstörung der Welt. Aber in ihm steckt auch etwas von uns allen: Wir sind ja bereit, überall ein Gesicht zu sehen oder ein beseeltes Gegenüber. Wenn das Auto nicht anspringt oder wenn eine Küchenmaschine kaputtgeht, dann fangen wir an, mit ihnen zu schimpfen.

Aber das ist doch ein Unterschied zum Glauben an Echsenmenschen.

Man kann sich Gedanken machen darüber, ob Menschen, Organisationen, Staaten, Konzerne, globale Militärbündnisse und so weiter, ob die Interessen haben und ob sie diese Interessen mit unlauteren Mitteln durchsetzen. Ich glaube, die Antwort lautet selbstverständlich: Ja. Jeder, der in Berlin rumläuft, weiß, wie viel Lobbyarbeit hier stattfindet. Und damit ist die Trennlinie zur Verschwörungstheorie eigentlich schon überschritten. Die Chemieindustrie nimmt Einfluss auf die öffentliche Meinung, indem sie Zeitungsartikel sponsert, die Pharmaindustrie beeinflusst die Ärzteschaft und so weiter.

Wollen wir über die Impfpflicht sprechen?

Ich habe das Gefühl, ich habe sehr klar gemacht, wofür ich stehe. Ich sehe sehr wohl, dass die Ereignisse der letzten zwei Jahre aufgearbeitet werden müssen. Wir können uns auf allen Gebieten damit beschäftigen: juristisch, künstlerisch, erzählerisch, politisch, bis an unser Lebensende. Aber nicht heute, heute reden wir über meinen Roman.

Sie haben im Roman auch die Erfahrung verarbeitet, wie jemand gecancelt wird. Spielgelt das Ihre eigene Erfahrung?

Der Impuls, einen Andersdenkenden nicht nur zu überzeugen oder zu überstimmen, sondern zu vernichten, das muss jeder problematisch finden. Ich schildere schon in meinem Film „Heil“ und jetzt im Buch wieder eine deutsche Öffentlichkeit, die, ohne es zu merken, in durchaus faschistoide Reflexe verfällt.

Dietrich Brüggemann
Dietrich BrüggemannBerliner Zeitung/Paulus Ponizak

Da klingt eine Menge Wut durch. Haben Sie auch Ihre Erfahrung von #allesdichtmachen verarbeitet?

Ich schaue mir diese Phänomene seit mindestens zehn Jahren an. Zunächst begann es in den entlegenen Ecken des Internets. Dann griff es immer mehr um sich, meistens unter vorgeschobenen edelmütigen, emanzipatorischen Motiven wie freie Partnerwahl für alle, sexuelle Orientierung und Antirassismus. Dagegen kann gar keiner etwas haben. Aber unter diesem Label ist ein merkwürdiger, intoleranter Zeitgeist entstanden.

Im Buch ist es ein MeToo-ähnlicher Vorwurf, den Sie aber „narrative rape“ nennen. Eine Vergewaltigung, die im Kopf passiert. Ich hab das gegoogelt, das gibt es nicht.

Nein, das habe ich mir ausgedacht. Aber es könnte existieren, oder? Es klingt doch plausibel. Eingestreuten Zitate, E-Mails und Zeitungsartikel, solche Stilimitationen machen mir wirklich großen Spaß und den Lesern hoffentlich auch. Dieser ganze Komplex, inklusive MeToo, hätte genügend Stoff für wunderschöne Komödien. Es müsste sie nur jemand machen.

Ist deshalb eine zentrale Figur im Buch eine Frau: Maya? 

Es gibt das zentrale Trio, die drei Freunde Moses, Maya und Jacob. Ich habe die Bauanleitung dieser Figurenkonstellation bei Harry Mulisch und Michel Houellebecq entlehnt. „Die Entdeckung des Himmels“ und „Elementarteilchen“ haben den gleichen Bauplan: Der Autor teilt sich auf in zwei konträre Männerfiguren, und es gibt eine Frau in der Mitte. Aber ich habe auch versucht, der Frauenfigur etwas mehr Tiefe zu geben.

Weil das der Zeitgeist verlangt?

Nein, weil das Buch dadurch besser wird. Mir war schon seit jeher klar, dass jede Figur in einem Film eine eigene Agenda braucht, einen Willen, ein Ziel. Wenn Frauen einfach nur Anhängsel von Männern sind und love interest, dann ist es nicht nur unter feministischen Aspekten doof, sondern auch unter künstlerischen, dann ist das ein schlechter Film.

Es gibt im Buch eine Szene, wo man zwischen all den Dialogen und der dichten Handlung ganz ruhig wird. Bei einem Stau. Erst denkt man, ja, ein Stau eben und plötzlich wird diese Szene so wichtig.

Dieser Stau könnte eine deutsche Western-Szene sein. Ein bisschen wie der Anfang von „Spiel mir das Lied vom Tod“: Allein in der Einsamkeit, man raucht eine Zigarette, eine Fliege landet auf einem Hut, und sonst passiert nichts. Der Film feiert das einsame Individuum in einer Gesellschaft, die damals längst schon eine Massengesellschaft war. In diesem Stau gäbe es das Potenzial, sich mit Wildfremden zu befreunden und so eine kleine Glückserfahrung zu machen. Aber das passiert nicht.

Moses wird im Stau zurechtgewiesen von anderen, weil er verträumt zwischen den Autos steht. „Sie dürfen nicht in der Rettungsgasse stehen!“

Das ist das deutsche Verhältnis zur Obrigkeit. In anderen Ländern lässt man das, was die Staatsmacht sich so einfallen lässt, über sich ergehen. In Deutschland identifiziert man sich damit und maßregelt den anderen. Bei Franzosen oder Italienern ist die Polizei im Film immer der gewalttätige, aggressive Arm einer korrupten Staatsgewalt. In Deutschland haben wir den „Tatort“-Kommissar, der jeden Sonntag die Ordnung wiederherstellt.

Sie haben selbst dabei mitgeholfen, haben drei Mal einen „Tatort“ gedreht.

Ich mache meinen Job immer sehr gerne, und auch einen „Tatort“ machen finde ich wunderbar.

Der Murmeltier-„Tatort“ scheidet bis heute die Geister. Die einen mochten die Idee, dass der Kommissar Felix Murot in einer Zeitschleife gefangen war, andere Zuschauer schalteten nach 20 Minuten ab.

Ja, wir durften eine Zeit lang sehr stark mit dem Format spielen. Aber es ist nicht so, dass die danach auf einen zugekommen und sofort etwas Neues machen wollen. Ich habe ein Exposé für einen „Tatort“ mit dem Titel „Zwangsgebühren“ geschrieben.

Oh, das kam nicht durch, nehme ich an. Was war der Plot?

Jemand sieht im Fernsehen einen „Tatort“ mit großem Musical-Finale, und am nächsten Tag fährt er in den Sender, erschießt den Redakteur, nimmt eine Geisel – und wird dann zum Social-Media-Star, weil er den Volkszorn ein Ventil gibt. Aber dann wird der Film selbst ein Musical, die Leute fangen an zu singen, und der Täter findet das nicht so gut. Es wäre das erste Musical, in dem die Figuren im Film darüber streiten, ob gesungen werden darf.

Okay, irre, und am Ende wird er festgenommen?

Ja, und zwar mit genau dem gleichen Ende wie das, über das er sich aufgeregt hat. Der Tatort-Redakteur hat elf Monate gebraucht und dann abgesagt. Ich fand das sehr bedauerlich.

Wäre natürlich jetzt ein gutes Thema, nach dem Schlesinger-Skandal.

Ja, vielleicht liest ja jemand dieses Interview und kommt mal auf mich zu.

Viele Szenen im Buch lesen sich wie Filmszenen. War das Absicht?

Ich wollte schon immer mal einen Roland-Emmerich-Apokalypse-Film machen, nur eben in Europa und nicht mit einer Bedrohung, die riesengroß ist, sondern winzig klein. Also quasi die Arthouse-Antwort auf „Independence Day“. Jetzt habe ich es erstmal als Buch aufgeschrieben.

Wenn Sie das Ende des Buches erwähnen, dann darf ich das auch. Die apokalyptische Grundstimmung taucht ja immer wieder auf.

Ich sehe mich schon mein ganzes Leben von einer apokalyptischen Grundstimmung umgeben. Ich könnte mein gesamtes Leben als Krisenbiografie erzählen. Seit ich denken kann, gab es eine Weltuntergangsuhr, die immer mindestens auf fünf vor zwölf stand. Die bezog sich meistens auf Atomkrieg und nuklearen Overkill. Aber auch das Waldsterben war ein Riesending

Im Osten war es nicht so sehr Thema.

Im Westen entkam man dem Waldsterben nicht. Es gab Modellrechnungen, wann der letzte Baum sterben werde, im Jahr 2007 war Deutschland da komplett entwaldet. Was ich davon zurückbehalten habe, ist eine gewisse Skepsis gegenüber Apokalypse-Erzählungen. Seitdem die Menschheit besteht, erzählt sie sich Geschichten vom Untergang.

Also ist die „Letzte Generation“ nicht die wirklich letzte?

Diese aufrüttelnden Mahner sind zumindest nicht neu. Was nicht heißt, dass wir nicht tatsächlich unsere Lebensgrundlagen massiv zerstören, indem wir einfach die ganze Welt mit Plastik vollhauen und abfackeln, was an fossilen Brennstoffen in der Erde liegt. Aber ich glaube auch, dass wir uns mit dem ganzen nachhaltigen Konsum, Windturbinen und Elektroautos ziemlich in die Tasche lügen.

Wir kommen wir da wieder raus?

Jedenfalls nicht mit Zwangsmaßnahmen. Ich empfehle zu diesem Thema ein Buch von Hans Rosling namens „Factfulness“. Er streift übrigens auch die Ebola-Epidemie in Sierra Leone. Staatlich verordnete Zwangsmaßnahmen, schreibt er da, haben gar nichts gebracht, sondern, dass die Leute selbst kapiert haben, was sie verändern müssen. Erzählungen von einer Apokalypse, würde ich abschließend sagen, sind zunächst als Erzählungen zu behandeln.