Schon Mitte der 1990er-Jahre stellten die ersten Bibliotheken in Deutschland ihre Kataloge online. Aber mehr Internetnutzung war für die Nutzer oft nicht möglich. Stadtpolitiker und auch so manche Bibliotheksleitung verdächtigten sie, „nur“ zu daddeln, fürchteten aber vor allem, haftbar zu sein für Straftaten wie Terrorismus und Kinderpornografie.

Erst als der Bundestag 2016 endlich diese „Störerhaftung“ aufhob, fiel diese Hürde. Sie ist auch dafür verantwortlich, dass digitale Angebote von deutschen Bibliotheken inzwischen erheblich schlechter sind als etwa die in den nordischen Ländern oder Nordamerika.

Das zeigt eine neue, seit 2014 unternommene Untersuchung des Deutschen Bibliotheks-Verbandes DBV über die digitalen Angebote deutscher Bibliotheken. Immerhin fast 80 Prozent aller von einer Vollzeit-Fachkraft geleiteten öffentlichen Bibliotheken haben teilgenommen und gemeldet, was sie an digitalen Angeboten ihren Nutzern zur Verfügung stellen. Aber nur 16 Prozent bieten einen öffentlich zugänglichen WLAN-Anschluss – also die technische Grundlage jeder Teilnahme am Internet und seinen Bildungsangeboten.

In den USA und Kanada sind die meisten Dorfbibliotheken digital vernetzt

Selbst diese Zahl wird noch, wie Barbara Lison, die Vorsitzende des Verbandes, zugestand, massiv verzerrt: durch die Nicht-Teilnahme der vielen, von Laien oder in Teilzeit geleiteten Bibliotheken vor allem auf dem Land und in Kleinstädten sowie dadurch, dass in Großstädten immerhin 80 Prozent ihren Nutzern WLAN anbieten. Zum Vergleich: In den USA oder in Kanada sind die meisten Dorfbibliotheken digital vernetzt, und in Städten ist es selbstverständlich, selbst in Armenvierteln in die Bibliothek zu gehen und E-Mails zu checken.

Eigentlich solle „Netzwerk Bibliotheken“, so hieß das auf drei Jahre angelegte, vom Bund mit etwa 750 000 Euro geförderte Projekt, nicht die Defizite herausarbeiten, sondern die Chancen. Es zeigt tatsächlich, was inzwischen möglich ist: Die Stadtbibliothek München hat gute Erfahrungen gemacht mit Programmierkursen selbst für Kinder, nachdem sie sich mit einer einst von russischen Einwanderern gründeten Bürgerinitiative zusammentat; Computerspiele kann man lernen und kritisch begleiten; als „Maker-Space“ bezeichnete Treffpunkte öffnen Bibliotheken für diejenigen, die neue Ideen und Produkte mit und für die digitale Welt entwickeln, aber keine Formenapparate im Hintergrund haben. Und man kann hier lernen, wie Fake News zu erkennen und zu bewerten sind oder wie man E-Books schreibt.

Aber der Zugang zu solchen digitalen Angeboten hängt ganz vom Wohnort ab: Berlin, Hamburg und der Flächenstaat Bayern sind ziemlich gut vernetzt, dito Nordrhein-Westfalen. Aber schon in Hessen ist nur das Rhein-Main-Gebiet versorgt, in Baden-Württemberg ist Stuttgart eine einsame Insel, im Rheintal oder in Oberschwaben sieht es düster aus. Thüringen versorgt seine Bibliotheksnutzer zwar locker, aber flächendeckend, ähnlich sieht es in Schleswig-Holstein und in den touristischen Orten Mecklenburg-Vorpommerns aus. Aber in Ostfriesland, im südlichen Vorpommern, in der Uckermark, dem Oderbruch, der Prignitz, in fast ganz Sachsen und Sachsen-Anhalt sucht man dieser Statistik nach vergeblich nach Angeboten.

Es sind übrigens genau diese Bundesländer und Regionen, in denen Bibliotheken nach anderen Statistiken am wenigsten von der Bevölkerung besucht werden – die erwartet offenbar digitale Angebote. Wenn diese nicht vorhanden sind, wird die Bibliothek nur noch als staubige Altpapiersammlung empfunden. Es sind auch die Regionen, in denen Politiker und Bibliotheksfunktionäre – unter diesen gibt es viele Anhänger von Zentralisierung der Angebote in den Städten! – Bibliotheksbusse und kleine Büchereien zusammengespart oder gestrichen haben. In denen Stadtverordnete ihre Bibliotheken regelrecht zwingen, sich zu entscheiden entweder für digitale Angebote oder für klassische Bücher.

Digitale Allgemeinbildung bleibt von der Politik unbeachtet

Andere Statistiken lassen Erfreuliches ahnen: 2015 hatten öffentliche Bibliotheken in Deutschland kaum zwanzig Prozent mehr Nutzung als die wissenschaftlichen. Es müsste genau andersherum sein, wenn – wie sich jetzt gezeigt hat – selbst kleine digitale Angebote helfen können bei der gesellschaftlichen Integration von schlechter Ausgebildeten oder Einwanderern.

Aber bevor man in der Prignitz wie jetzt in Berlin einfach auch Filme über den Bibliotheksausweis zu Hause ansehen kann, wird wohl einige Zeit vergehen: Selbst Martin Schulz verspricht im Fall eines Wahlsiegs nur, die Digitalisierung der Wirtschaft zur Chefsache machen zu wollen. Von der digitalen Allgemeinbildung oder gar dem dafür, wie man in den nordischen Ländern oder in Amerika längst weiß, sehr effizienten Instrument Bibliothek ist in keinem Wahlprogramm die Rede.