Die von Wilhelm II. am 1. August 1914 befohlene Mobilisierung war gerade erst angelaufen. Noch hoffte mancher auf Frieden. Doch in der Berliner Königlichen Bibliothek ließ Direktor Adolf von Harnack am 5. August beschließen: „Allen Franzosen, Engländern, Russen, Serben“ sei die Benutzung der Bibliothek untersagt. Feindschaft auf ewig wird hier angekündigt. Und zweitens: Es solle eine „Kriegsbibliothek“ angelegt werden, um Druckschriften, Briefe, Fotos, Postkarten zu sammeln. Ein Unternehmen, das das Intellektuellen-Schloss Unter den Linden einfügte in die nationalistische „Auf-nach-Paris“-Euphorie auf den Straßen.

Vergleichbare Kriegsbibliotheken gab es in ganz Europa. Sie sind nun die Anker des internationalem Digitalisierungsprojekts Europeana 1914-1918 geworden. 2011 aus der Taufe gehoben, hat es bis zu seiner gestrigen Freischaltung im Internet mehr als 400.000 Objekte aus zehn Nationalbibliotheken zwischen Belgrad und Kopenhagen erfasst sowie 200 Stunden Film aus 21 Archiven. Darüber hinaus wurden 90.000 private Einzelobjekte fotografiert und digitalisiert. Ein einzigartiges internationales Archiv entstand, kostenfrei im Internet zu nutzen.

Diese letzte Bedingung verhinderte allerdings, dass einige Hits auch ins Netz gelangten: Albert Einstein etwa ist noch nicht lange genug verstorben, um rechtefrei seinen scharf kriegskritischen Brief digitalisieren zu können. Aber derzeit kann man ja das Original in Berlin studieren, in einer feinen, kleinen Ausstellung in der Neuen Staatsbibliothek am Kulturforum, neben dem (leider leeren) Fotokarteikasten der „Kriegsbibliothek“, Büchern, Manuskripten, Drucken oder Kinderheften mit Sturmangriff-Ausmalbildern.

Allein virtuelle Geschichte ist etwas dröge

Ursprünglich sollte die Ausstellung nur für die Dauer der Europeana-Fachkonferenz am 30. und 31. Januar stehen bleiben. Doch sicherte die Generaldirektorin der Staatsbibliothek Barbara Schneider-Kempf im Gespräch mit der Berliner Zeitung inzwischen zu, dass sie noch etwas länger gezeigt werde. Allein virtuelle Geschichte ist eben etwas dröge – wenngleich eine Reihe von Bildschirmen zum Stöbern ermuntern.

Diese Webseite ist nämlich eine Fundgrube. Das auch als Postkarte erhältliche Plakat des Films „Die Waffen nieder“ nach Berta von Suttners Kampfschrift mit der Werbung „Sofort spielbereit!“ erhält so eine Doppelbedeutung. Zwar ist die Digitalisierung offenbar überaus moralisch erfolgt. So kommen auf alle Stichworte, die etwas mit Sex zu tun haben, allenfalls zwei Treffer. Realitätsnäher ist da die dichte Erfassung des Themas Frauenarbeit und schon gar die des Kriegshandwerks in allen seinen technischen Facetten. Links verweisen zu vergleichbaren Kriegssammlungen in den USA, Australien und Neuseeland.

Lästig ist zwar, dass Fotos und Dokumente oft nur herkunftssprachlich beschriftet wurden. Man wüsste doch gern, was Fotos aus dem finnischen Tampere zeigen, einem Zentrum des Bürgerkriegs 1917. Doch solche kleinen Nationalismen seien gestattet bei einem Projekt, das selbst verbiesterten Europa-Kritikern keinen Druckpunkt gegen Brüssel und die Europäische Kommission liefert: Ohne ihre Hilfe – insgesamt hat Europeana dank der Selbstausbeutung vieler Archivare und Bibliothekare nur 5,4 Millionen Euro gekostet – wäre es nie entstanden. Ein herzliches, aber ganz und gar unkriegerisches Bravo also auf das neue Europa.