Am Sonntagabend ging das Performance-Festival „Foreign Affairs“ im Haus der Berliner Festspiele mit einem Konzert der Musikerin Dillon zu Ende. Die Berliner Singer-Songwriterin mit brasilianischem Hintergrund paart ihre zerbrechlichen Songskizzen seit zwei Alben zunehmend mit Elektronik – mit dumpfen Bässen, kargen Synthesizerlinien, manchmal auch mit zarten Störsounds, begleitet von Pianoakkorden, die Dominique Dillon de Byington selbst spielt.

Ihre Musik schillert zwischen angedeuteter Hitze – wenn ihre kindliche Stimme kratzt und ihr Vibrato karibisch wabert wie zum Beispiel bei Horace Andy, dem Reggaesänger, den die britische Band Massive Attack in den Neunzigerjahren wiederentdeckt hatte – und klanglicher Kühle, die ihr Mitmusiker Tamer Fahri Özgönenc an seiner Elektronikkonsole entwickelt, manchmal mit vereinzelten Snaresounds wie aus dem Gefrierfach eines weit entfernten Planeten.

Fixe Nixen

Im sehr gut gefüllten Saal der Berliner Festspiele hat Dillon ihr Repertoire aus zwei Alben noch radikaler aufgeräumt und in einzelne Tupperdöschen verstaut, bis viel Luft blieb, zum Beispiel für den im hinteren Bühnenteil aufgestellten Chor „Fixe Nixen“, dirigiert von Ralf Sochaczewsky, der schon vielen Popkünstlern mit dem starken Hauch eines Vokalensembles zu etwas Durchzug verholfen hat. Man kommt nicht um meteorologische Metaphern herum am Tage dieses Hochdruckkeils. Das liegt auch daran, dass Dillon das bei Konzertende einsetzende Entladungsgewitter künstlerisch vorwegzunehmen wusste.

Bühne blieb sehr dunkel

Die Bühne blieb in der Regel sehr dunkel, was den Blitzcharakter der wiederholt einsetzenden Stroboskopattacken und hellweißen Blendorgeln noch mal verstärkte. Beim zweiten Mal haben erste Besucher über 35 Jahren aus meinem Sitzumfeld den Saal verlassen. Danach musste auch ich nach einer guten Stunde das Konzert quittieren, aus Rücksicht auf die Reihe vor mir, der ich das halbverdaute Grillgut meines Wochenendes am Werlsee nicht mit auf den Weg geben mochte, obwohl es zur Mehrheit vegetarischen Ursprungs war. Ja, ich bin auch über 35. Laut meinem geschätzt gerade so 35-jährigen Gewährsmann im Saal war der Abend ungefähr 16 Minuten später zu Ende, inklusive zweier Zugaben. Danach ist der Kontakt abgebrochen. Ich hoffe, es geht Dir gut, Martin!

Hüpfburgen im Hipstamatic-Look

Die Drastik der Lichteffekte steht im Kontrast zur Kinderzimmerhaftigkeit der Musik. Während auf dem ersten Dillon-Album, „This Silence Kills“ aus dem Jahr 2011, auch Tingeltangelklänge und Putziges aus dem Kleinzirkus als Begleitmusik zu hören war, wie man es etwa von Coco Rosie kannte, wurden auf „The Unknown“ vom letzten Jahr nun die Rolläden runtergelassen und der Blick auf den Spielplatz versperrt. Das Unbestimmte von Dillons Stimme, die ja keine Kinderstimme ist, sondern eher eine Erinnerung an den Übergang vom Kindes- in ein anderes Alter, kommt im dunkleren, elektronischen Umfeld besser zur Geltung.

Interessant an diesem Abend im Haus der Berliner Festspiele war deshalb, auch die alten Lieder in neuen, luftigen Arrangements zu hören. „Tip Tapping“ spielt genauso kinderliedartig mit den Terzen wie „Thirteen Thirty-Five“, dass man sich diese Hüpfburgen im Hipstamatic-Look kaum in coolem Schwarzweiß vorstellen kann. Bei „Tip Tapping“ löst es Dillon so: Tamer Fahri wechselt an das Keyboard, sie selbst steht an der Rampe und singt das Lied kurz mit dem Publikum. Bei „Thirteen Thirty-Five“ versucht Dillon dann das reduzierte Elektro-Arrangement, plus Piano.

In diesen Fällen tragen die Songs nicht lange, es sind eher Skizzen, die aber so gespielt werden, als wären es Briefe. Vielleicht liegt es auch an diesen stereotypen Pianoakkorden, lieblich und harmonisch immer nächstliegend. Der Chor bot die offeneren Stimmführungen. Vielleicht hätte man noch mehr reduzieren und das E-Piano auch gleich von der Bühne fegen können, als ein klärender Sturm. Geblitzt hatte es ja ordentlich.