Der 18-minütige TV-Sketch „Dinner for One“, inzwischen unverrückbarer Bestandteil vieler Silvesterpartys, wurde 1963 zum ersten Mal ausgestrahlt. Falls es jemanden geben sollte, der nicht weiß, wovon die Rede ist: Der Komiker Freddie Frinton spielt den Butler von Miss Sophie (May Warden), die ihren 90. Geburtstag im Kreise hochansehnlicher Freunde begeht. Da selbige bereits das Zeitliche gesegnet haben, ist es am Butler, die Trinksprüche in Vertretung zu absolvieren und Glas für Glas zu leeren. Mit entsprechenden Beeinträchtigungen beim Servieren. Mary Warden ist 1978, Freddie Frinton bereits 1968 gestorben. Wir sprachen mit dem Sohn Steve Frinton.

Mr. Frinton, darf ich Sie zunächst fragen: Wie geht es dem Tiger?

Danke, er ist noch unter uns und erfreut sich bester Gesundheit, obwohl er nicht mehr der Jüngste ist. Wir wissen nicht genau, wann er erlegt worden ist, der arme Kerl. Mein Vater hatte das Fell vom Trödel. Das Tigerfell liegt auf dem Dachboden. Wir sind ja nur eine normale Familie in einem normalen Haus und können einen Tiger schlecht in einer Vitrine ausstellen. Er ist ein bisschen abgewetzt mit den Jahren, aber durchaus präsentabel.

Ihr Vater, Freddie Frinton, starb fünf Jahre nach der Aufzeichnung des Sketches „Dinner for One“, der seit fünfzig Jahren läuft und läuft. Verwundert Sie diese Popularität?

Wir kommen aus dem Staunen gar nicht wieder heraus. Ich habe zwei Schwestern und einen Bruder, und wir waren immer mächtig stolz auf unseren Vater. Er ist ja besonders im Ausland berühmt. Wann immer wir in den Ferien auf Deutsche getroffen sind, waren die Leute vollkommen aus dem Häuschen, wenn wir gesagt haben: Unser Vater war James, der Butler von Miss Sophie.

Wie hat er das fertiggebracht?

Zunächst liegt es wohl daran, dass er den Sketch perfektioniert hatte, und zwar lange, bevor er ihn vor deutschem Publikum in Hamburg aufführte. Er gehörte zu seinem Standardprogramm. Im Sommer spielte er ihn bei den Unterhaltungsshows in englischen Seebädern, im Winter in Bradford oder Leeds bei den Pantomimes, den Bühnenshows zur Weihnachtszeit, die, so weit ich weiß, eine rein englische Erfindung sind. Er hatte den Sketch bis ins Letzte ausgefeilt: hier noch einen Extra-Stolperer über das Tigerfell eingebaut, dort ein paar Worte eingefügt. Aber der Text beschränkt sich ja ohnehin auf ein Minimum; das hat wohl dazu beigetragen, dass der Sketch den Deutschen und anderen Europäern so gut im Gedächtnis haften blieb: Er ist verständlich, auch wenn man kein Wort Englisch spricht.

Stimmt es, dass „Dinner for One“ nie im englischen Fernsehen gezeigt wurde?

Ja. Fragen Sie mich nicht, warum. Das ist mir ein Rätsel. Die BBC hat irgendwann mal ein vages Interesse bekundet, aber ich vermute, sie haben keinen Sendeplatz gefunden.

In Großbritannien bezeichnet man „Dinner for One“ nur als leidlich komisch. Vielleicht verstehen die Engländer ja den englischen Humor nicht …

Nun ja, bei den Live-Shows meines Vaters gab es Gelächter ohne Ende. Ich glaube, die Briten haben einen simplen Humor. Heute ist vielleicht mehr intellektueller Witz gefragt, aber früher war man mit ein bisschen Slapstick vollkommen zufrieden. Meiner Meinung nach ist der Sketch beim britischen Fernsehen nicht in die richtigen Hände geraten.

War Ihr Vater ein witziger Mann?

Er war ein Familienvater. Zu Hause hat er Späßchen gemacht und uns zum Lachen gebracht − so wie ich das mit meinen Kindern auch gemacht habe. Er war eine gute Seele und hat versucht, trotz seiner Engagements so oft wie möglich zu Hause zu sein. Aber in der Sommer-Saison und zu Weihnachtszeit haben wir ihn oft nur sonntags gesehen.

Gehören der Familie heute die Rechte an dem Sketch?

Mein Vater hat ihn vor vielen Jahren gekauft, lange vor der Fernsehaufzeichnung. Es war ein einfaches Blatt Papier, soweit ich weiß, kaum mehr als eine DinA4-Seite, und er hat ihn auf sich zu geschnitten. Allerdings muss man wissen, dass er immer schon ein hervorragender Darsteller von Betrunkenen war. Als Charakter-Komödiant wurde er oft als Betrunkener besetzt. Es war seine Paraderolle – obwohl er Alkohol kaum anrührte.

Gab es einen Grund dafür?

Ich glaube, er mochte Alkohol einfach nicht.

Haben Sie die Wirkung von „Dinner for One“ mal ausprobiert? Sind Sie jemals in Deutschland an eine Kasse oder einen Bankschalter gegangen und haben, rein aus Interesse, gefragt: „Same procedure as last year?“

Im Ausland haben wir das nicht versucht. Aber bei uns ist das eine Art Familienspruch. Weil wir wissen, welche Tragweite das Ganze besitzt, hat eine der Enkelinnen vor ein paar Jahren vorgeschlagen, dass wir Silvester in Deutschland verbringen. Wir sind also alle zusammen, rund zwanzig Familienmitglieder, nach Hamburg gefahren, haben uns in ein Hotel eingebucht und beim Essen auf einer großen Leinwand „Dinner for One“ geguckt.

Gab es, wie im Film, wenigstens Mulligatawny Soup?

Keine Mulligatawny Soup, leider.

Und alle haben sich amüsiert?

Dazu fällt mir etwas Schönes ein. Unsere Familie hat neulich ein Interview gegeben, und meine Schwester erwähnte das Ende des Sketchs. Sie wissen schon: der Moment, wenn Miss Sophie sich auf ihr Zimmer zurückzieht, und mein Vater sagt: „Same procedure as last year?“, und dann: „I’ll do my very best.“ Wir haben festgestellt, dass uns allen jahrelang die Bedeutung komplett entgangen ist: Der Butler bringt Miss Sophie ja nicht nur auf ihr Zimmer, nicht wahr? Da saßen wir also allesamt, sprachen über englischen Humor und hatten den Schluss-Witz nicht verstanden. Ist das nicht witzig?

Das Gespräch führte Barbara Klimke.