So viel schon mal vorab: Das Konzert von Brody Dalle am Mittwochabend im SO36 konnte man nur halbwegs trocken verlassen, wenn man sich in die hinteren Reihen zurückzog. Wer jedoch die komplette Bühnenpräsenz der tätowierten Punkrockkoryphäe genießen wollte, musste damit rechnen, den Kreuzberger Club anschließend schweißgebadet zu verlassen.

Die ehemalige Frontfrau der legendären US-Punkband Distillers präsentierte im ausverkauften SO36 ihr erstes Soloalbum „Diploid Love“. Nach der dreiköpfigen Frauenband „Velvet Two Stripes“ betrat die Dame des Abends unter Jubelrufen die Bühne und spielte ohne große Ansprache den Eröffnungstrack ihrer Ende April veröffentlichten Platte. Auf diesen Moment haben viele Fans jahrelang gewartet. Nach der Auflösung der Distillers vor acht Jahren, konnte man Brody seitdem vor allem mit ihrer Poprock-Band Spinnerette live erleben. Fünf Jahre ist die letzte Veröffentlichung her.

Zwischen Kindern und Tonstudio

Wer seine Jugendzeit damit verbracht hat, stundenlang die Texte der stimmgewaltigen Brody mitzugröhlen, dem bescherte das bloße Auftreten der 35-Jährigen am Mittwochabend einen dauerhaften Zustand der Punk-Nostalgie. Und dann dauerte es auch nicht allzu lange bis das kam, was sich wohl die meisten im Publikum insgeheim gewünscht hatten: Songs aus der früheren Distillers-Ära: geradlinig nach vorne, schnell und eingängig. Nur mit gekonnter Abwehrhaltung konnte man sich der pogenden Masse noch entziehen und sein Bier unbeschadet umklammern.

Brody Dalles Stimme klingt wie gewohnt nach verrauchter Kneipe und Hochprozentigem. Beides spielt in ihrem Leben gerade keine Rolle, denn die einstige Vollblutpunkerin ist mittlerweile vor allem Mutter und Ehefrau. Seit 2003 ist sie mit Queens-of-the-Stone Age-Sänger Josh Homme, mit dem sie zwei Kinder hat, verheiratet. Ihr Familienleben hat sie in den neuen Songs verarbeitet, das Kinderhüten teilt sie sich mit ihrem berühmten Mann, doch meistens würde sie zuhause bleiben während er auf Tour geht, erzählte Dalle am Mittwoch im Interview mit dem Berliner Radiosender Flux FM.

Die erste Platte unter ihrem eigenen Namen hat die gebürtige Australierin im Studio ihres Mannes in Los Angeles aufgenommen. Live klingt das Ganze rau, wütend und mit einer gesunden Portion Melancholie. Brody verweilt unterdessen mit ihrer Gitarre in einer konstanten Stellung am Mikroständer, vermittelt aber trotz ihrer Unbeweglichkeit eine wilde Energie, was nicht zuletzt an ihrer brachialen Stimme liegt, die einige nicht ganz ungerechtfertigt mit Hole-Sängerin Courtney Love vergleichen.

„Diploid Love“ ist perfekt durchproduziert, die Songs bleiben nie stehen und treiben das Publikum dauerhaft in Ekstase. Brodys unnahbare Aura wird an diesem Abend nur einmal kurz unterbrochen: Nach etwa der Hälfte der Show muss die Sängerin aufs Klo. „I apologize“, sagt sie danach, lächelt und rockt unaufhaltsam weiter.