Der Verwaltungsrat der Filmförderungsanstalt (FFA) warnt derzeit davor, dass der unwiederbringliche Verlust des Filmerbes droht, wenn dessen Digitalisierung nicht schnell vorangetrieben wird. Im Filmhaus am Potsdamer Platz befragen wir dazu Rainer Rother, den künstlerischen Direktor der Deutschen Kinemathek.

Herr Rother, die FFA sieht dringenden Handlungsbedarf beim filmischen Erbe. Zu viel ginge da verloren, heißt es. Hat denn die Deutsche Kinemathek als einer der Sachwalter dieses Erbes genug Geld zur Verfügung?

Natürlich nicht. Das geht aber nicht nur uns so, sondern betrifft alle filmarchivarischen Einrichtungen in Deutschland. Die Mittel, die für die Bewahrung des filmischen Erbes zur Verfügung stehen, reichen nicht aus. Deswegen enthält der Koalitionsvertrag der Bundesregierung ja unter anderem das Bekenntnis zur Stärkung der Deutschen Kinemathek. Wir hoffen sehr auf die Umsetzung. Und wir reden hier gar nicht über Programme der Digitalisierung des Filmerbes, was ja auch zur Agenda der Koalition gehört. Wir reden darüber, dass es mit den verfügbaren Finanzen ganz schwierig ist, das, was man hat, überhaupt nur zu erhalten. Also dass das Filmmaterial nicht kaputt geht, dass bei jenen Filmen, bei denen Umkopierungen notwendig sind, diese überhaupt gemacht werden können. Die Situation ist durchaus bekannt und auch als Problem anerkannt. Nun ist es an der Zeit, dieser Einschätzung entsprechend zu handeln. Immerhin muss man betonen: Es befinden sich jene Filme auf der sicheren Seite, die erst einmal ins Archiv gelangt sind. Größere Sorge gilt all jenen Filmen, die noch nicht im Archiv sind, und das ist ein sehr großer Teil!

Was schätzen Sie, wie viele Filme das sind?

Das ist von Jahrzehnt zu Jahrzehnt unterschiedlich. Wir freuen uns immer, wenn ein Produzent oder ein Regisseur feststellt, dass die Filme bei ihm zu Hause nicht so gut gelagert sind, wie sie es in einem Archiv wären. Aber natürlich sind die Archive mit dem, was sie an finanziellen Mitteln zur Verfügung haben, bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit und auch darüber hinaus gefordert. Engagement und Enthusiasmus können fehlende Mittel aber nur begrenzt kompensieren. Bei Ihrem Beispiel der Stellungnahme zur Digitalisierung geht es der FFA vor allem um folgendes: Wie macht man das bis mindestens 2005 vornehmlich analog produzierte Filmerbe durch Digitalisierung für die neuen Abspielmöglichkeiten zugänglich?

Anfang 2015 hat die Bundeskulturstaatsministerin Monika Grütters eine Million Euro bereitgestellt für die Digitalisierung ausgewählter Filmprojekte. Vier Einrichtungen bekamen jeweils 250 000 Euro, darunter auch die Deutsche Kinemathek. Welche Filme haben Sie mit dem Geld aufbereitet?

Die Digitalisierung eines Films kostet grob gerechnet zwischen 10000 und 50000 Euro; das hängt von der Länge, aber vor allem auch vom Überlieferungszustand ab. Man muss angesichts des verfügbaren Budgets für Digitalisierung also sehr genau auswählen. Wir sind daher kuratorischen Überlegungen gefolgt und haben Filme ausgewählt, von denen wir annehmen, dass hier Interesse geweckt werden kann oder ein bestehender Bedarf nach Filmen befriedigt werden kann. Das ist auch eine Chance, weniger bekannte Werke überhaupt wieder sichtbar zu machen. Zu den Filmen, die wir 2015 digitalisieren, gehören „Das Wachsfigurenkabinett“ (1924) von Paul Leni, sicher ein Klassiker des expressionistischen Films. Aber auch „Uliisses“, ein Film des großen Experimentalregisseurs Werner Nekes oder „Shirins Hochzeit“ von Helma Sanders-Brahms: einer der ersten Filme, der sich erzählerisch der Situation von Immigrantinnen in Deutschland widmet, oder Filme des bedeutenden Dokumentarfilmers Peter Nestler. An dieser Auswahl sieht man schon: Digitalisierung des Filmerbes darf sich nicht auf eine Gattung, eine Periode der Filmgeschichte oder nur auf allseits bekannte Namen beschränken. Es geht um das Filmerbe, ungeteilt.

Sie erwähnten das Umkopieren durch filmtechnische Dienstleister. Die sind laut einer Studie von PriceWaterhouseCoopers gefährdet. Wie sind da Ihre Erfahrungen?

Wichtig ist, für Archive und die filmtechnischen Dienstleister, eine langfristige Perspektive. Die haben wir aber bislang nicht. Wir können nicht mit einem gesicherten Volumen arbeiten, das wir bereits zu Jahresbeginn und für die Folgejahre kennen. Aus Gründen der Haushaltsaufstellung sind dies Sondermittel, manchmal erst Mitte des Jahres verfügbar. Was fehlt, ist eine sichere Basis. Wenn wir nicht rechtzeitig planen können, wie viele und welche Filme umkopiert oder digitalisiert werden, können die filmtechnischen Betriebe auch nicht planen und ihre Hardware entsprechend vorhalten. Die Filmerbe-Institutionen, Archive und Kinematheken, haben drei Kernforderungen: Es muss eine langfristige Planung geben, und dazu ein genügend hohes Budget, damit auch die Infrastruktur erhalten bleibt. Und es muss eine Digitalisierung angestrebt werden, die wiederum auch auf drei Säulen beruht.

Was sind das für Säulen?

Das „Drei-Säulen-Modell“, das der Kinematheksverbund fordert und das auch von der FFA und nicht zuletzt von Frau Grütters akzeptiert wurde, bedeutet: Es gibt drei gleichwertige Gründe, um Filme in das zukünftige Digitalisierungsprogramm aufzunehmen. Einerseits sind das Filme mit wirtschaftlicher Auswertungsperspektive, wo Lizenzinhaber sozusagen ein Geschäftsmodell verfolgen und fraglos unterstützt werden müssen. Zweitens sollen Filme, die vom Material her gefährdet sind, umgehend digitalisiert werden, um erhalten zu werden – das ist ein konservatorischer und aus meiner Sicht entscheidender Gesichtspunkt. Und drittens müssen Entscheidungen über den Korpus der zu digitalisierenden Filme auch auf kuratorischer Basis getroffen werden – es hilft uns ja nichts, wenn wir nur die sogenannten großen Titel digitalisieren und dabei vergessen, dass es auch dokumentarische Arbeiten, Kinderfilme und filmische Entdeckungen in allen Epochen gibt – wie etwa die Regiearbeiten von Gerhard Lamprecht aus der Weimarer Republik. Digitalisierung darf sich nicht auf den engsten Kanon beschränken. Wenn wir Entdeckungen, Überraschendes, Experimentelles ausschließen, dann kappen wir das Filmerbe dort, wo es interessant wird.

Im Regierungsentwurf für den Bundeshaushalt 2016 wird der Etat der Staatsministerin für Kultur und Medien um ca. 60 Millionen Euro gesteigert. Beim Film legt Grütters aber gewissermaßen eine Nullrunde ein. Was sagen Sie dazu?

Es gibt keine wirkliche Konkurrenz zwischen der Förderung von Filmproduktion und der Bemühung um den Erhalt des Filmerbes. Die Archive bemühen sich ja, das, was produziert wurde, zu bewahren. Es gibt aber eine Diskrepanz in der Ausstattung. Für die Digitalisierung des Filmerbes gibt es bisher jeweils eine Million Euro aus den Mitteln der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien und aus der FFA. Es ist sehr gut, dass es jeweils diese Million gibt – aber allen Beteiligten ist deutlich, dass dies nur ein erster Schritt sein kann. Man muss dahin kommen, dass es feste – und größere – Haushaltsposten für die Digitalisierung des Filmerbes gibt. Bei der FFA, im Etat von Grütters und wohl auch bei den Ländern. Das ist eine nationale Aufgabe, eine Gemeinschaftsaufgabe. Es ist zudem eine Verpflichtung, die gegenüber den kommenden Generationen besteht. Die audiovisuelle kulturelle Überlieferung ist auch unser kollektives Gedächtnis. Darum geht es, kulturelle Identität zu bewahren statt zu verlieren. PriceWaterhouseCoopers empfiehlt in ihrem Gutachten für die FFA hinsichtlich der Digitalisierung ein jährliches Mindestvolumen von zehn Millionen Euro, ausgelegt auf die Dauer von zehn Jahren. Das ist ein Beginn; dieses Programm, das wir uns wünschen, würde in seinen Konditionen, die ja wesentlich den Empfehlungen des Kinematheksverbundes folgen, abdecken, was Filmgeschichte eigentlich bedeutet.